Kultur

Donnerstag, 20. August 2020

Eine kulturelle Institution

Die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele schlug vor hundert Jahren

Szene aus der aktuellen Inszenierung des „Jedermann“. Das Mysterienspiel von Hugo von Hoffmannsthal ist das Aushängeschild der Festspiele. (Foto: SF/Matthias Horn)

„Jedermann! Je-der-mann!“ Schaurig hallen die Rufe über den Salzburger Domplatz. Jahr für Jahr wird vor der grandiosen Kulisse der barocken Kathe-
drale das gleichnamige Mysterienspiel aus der Feder Hugo von Hoffmannsthals gegeben.
Auch im Corona-Jahr 2020 soll das so sein. Und das hat einen wichtigen Grund: Am 22. August wird es 100 Jahre her sein, dass der „Jedermann“ erstmal an diesem besonderen Ort gegeben wurde. Es war die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte es erstmals die Idee gegeben, analog zu Bayreuth auch in Salzburg Festspiele zu etablieren. Im Mittelpunkt sollte, selbstredend, der wichtigste Sohn der Stadt stehen: Wolfgang Amadeus Mozart. Doch es sollte dauern, ehe die Idee Gestalt annahm.
1917, mitten im Ersten Weltkrieg, gründeten zwei Idealisten in Wien den Verein „Salzburger Festspielhaus-Gemeinde“: Heinrich Damisch, Gründer der „Mozartgemeinde Wien“, und sein Freund Friedrich Gehmacher. Dass beide heute weitgehend unbekannt sind, hat einen einfachen Grund: Erst als Kulturgrößen wie Hugo von Hoffmannsthal, der Regisseur Max Reinhardt, der Dirigent Franz Schalk und der Komponist Richard Strauss sich das Anliegen zu Eigen machten, ging es in Sachen Salzburger Festspiele endlich voran.
Die einfache Grundidee – Mozartfestspiele in Mozarts Geburtsstadt – hatten die Gründerväter mittlerweile kräftig intellektuell unterfüttert und überhöht: Festspiele in Salzburg, abseits vom hektischen Großstadtgetriebe, dafür „im Herz vom Herzen Europas“ sollten ein „Friedenswerk“ sein nach den schrecklichen Jahren des Krieges. So jedenfalls schrieb es Reinhardt in einem ersten Konzept.
Und Hofmannsthal ergänzte: „Unser Salzburger Festspielhaus soll ein Symbol sein. Es ist keine Theatergründung, nicht das Projekt einiger träumerischer Phantasten und nicht die lokale Angelegenheit einer Provinzstadt. Es ist eine Angelegenheit der europäischen Kultur. Und von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung.“
Dass Hoffmannsthals „Jedermann“ den Anfang machte, kam nicht von Ungefähr. Die Aufführung von Passions- und Mysterienspielen hatte in Salzburg eine lange Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreichte. Daran wollte man anknüpfen. Aber natürlich sollte der „Jedermann“ nur ein Anfang sein. „Musikalisch theatralische Festspiele in Salzburg zu veranstalten, das heißt: uralt Lebendiges aufs neue lebendig machen; es heißt: an uralter sinnfällig auserlesener Stätte aufs neue tun, was dort allezeit getan wurde“, schrieb Hoffmannsthal 1921.
In jenem Jahr kamen zum „Jedermann“ bereits erste Konzertaufführungen hinzu, 1922 dann standen erstmals auch vier Mozart-Opern auf dem Programm. Zwar gab es in den Folgejahren finanzielle Schwierigkeiten – 1924 fielen die Festspiele gar aus –, doch das Konzept stand. Oper, Theater und Konzert bilden bis heute die drei Grundpfeiler der Salzburger Festspiele.
Dank Reinhardts guter Kontakte ins Ausland etablierten sich die Salzburger Festspiele schnell als neue Institution im europäischen Kulturleben. Oder, um es mit den Worten von Stefan Zweig zu sagen: „Mit einem Mal wurden die Salzburger Festspiele eine Weltattraktion, gleichsam die neuzeitlichen Olympischen Spiele der Kunst, bei denen alle Nationen wetteiferten, ihre besten Leistungen zur Schau zu stellen.“
Und das ist im Prinzip bis heute so geblieben. Zwar steht Mozart nicht mehr klar im Mittelpunkt des Programms, doch seine Werke haben in Salzburg weiterhin einen hohen Stellenwert. Auch die Moderne mit Ur- und Erstaufführungen hat seit langem einen wichtigen Platz im Programm der Festspiele. Und natürlich wird der „Jedermann“ noch immer auf dem Domplatz gegeben, zuletzt allerdings in sanft modernisierten Fassungen. Die Rufe freilich schallen noch immer genauso schaurig über den großen Platz.

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