Aus dem Bistum

Mittwoch, 25. Januar 2017

Einmalig in der Diözese Speyer

In der Kita St. Christophorus der Domstadt schafft eine Fachkraft Verständnis für andere Religionen

Erzieherin Gerlinde Wingert (rechts) und die Interkulturelle Fachkraft Houda erklären den Kindern im Beisein von Herbert Adam die Unterschiede der Geburtsgeschichte in der Bibel und im Koran. Foto: Christine Kraus

Interkulturelle Arbeit hat in der Kindertagesstätte (Kita) St. Christophorus in Speyer einen großen Stellenwert. Kein Wunder, denn Kinder aus 13 Nationen besuchen die Einrichtung. 70 Prozent der Kinder kommen aus Familien, die noch einen anderen religiösen oder kulturellen Hintergrund haben. Seit Houda Zahnhar, eine gläubige Muslima als Interkulturelle Fachkraft – die erste in einer katholischen Einrichtung in der Diözese Speyer – in der Kita arbeitet, ist vieles einfacher geworden im Kita-Alltag und auch im Umgang mit den Eltern.

„Da war das Baby Jesus drin gelegen“, sagt Leon spontan, als Erzieherin Gerlinde Wingert eine kleine Holzkrippe hochhält. Acht Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren sitzen in dem Raum, in dem bis vor kurzem die große Weihnachtskrippe aufgebaut war und erinnern sich an die Weihnachtsgeschichte. Sie wissen noch ganz genau, wie das mit der Herbergssuche, der Geburt Jesu, und dem Besuch der Heiligen drei Könige war und dass das alles in der Bibel steht. Zwischen den Kindern sitzt Houda Zanhar und erklärt: „Auch wir Muslime kennen diese Geschichte, bei uns steht sie im Koran geschrieben, aber sie ist ein bisschen anders“. Sie erzählt den Kindern wie Maria, die im Koran Maryam heißt, in die Wüste geht, um ihren Sohn Isa zur Welt zu bringen. Als sie starke Schmerzen hat, sagt ihr eine Stimme, sie solle Wasser aus einer Quelle trinken und Datteln essen. „Isa, der bei Euch Jesus heißt, wurde dann ein wichtiger Mann, ein großer Prophet“, erklärt Zanhar. Zum Schluss dürfen die Kinder Datteln probieren. Datteln sind für Muslime also genauso ein Symbol für die Geburtsgeschichte, wie die Krippe oder der Stern für die Christen, lernen die Kinder.

Herbert Adam, Religionspädagoge vom Referat „Seelsorge in Kitas“ des Bischöflichen Ordinariates, der das Konzept für dieses Projekt erarbeitet und die Gruppe begleitet hat, ist zufrieden. Es ist ein Pilotprojekt, das Gerlinde Wingert und Houda Zanhar in der Kita St. Christophorus mit mehreren Kindergruppen durchführen. Ziel sei es, sich mit der eigenen Religion und der der anderen auseinanderzusetzen. Er stellt klar: „Hier geht es auf keinen Fall darum, Religionen zu vermischen, sondern anderen Religionen mit Respekt zu begegnen, zu sehen, was ist gemeinsam, was ist anders.“ St. Christophorus ist eine konfessionelle Kindertagesstätte, sie hat ein christliches Profil, hier werden christliche Feste gefeiert. „Wir informieren uns aber über die Feste der anderen, wir können doch als Gast dabei sein und uns mit ihnen freuen“, sagt Adam. Es könne auch sinnvoll sein, in die Moschee zu gehen und zu sehen, wie dort gebetet wird. Genauso könnten Muslime in eine Kirche gehen, sie werden dadurch doch nicht zu Christen. Erklären ja, kultische Handlungen ausüben nein, sei die Devise.

Die Kita St. Christophorus ist da in einer diözesanweit einmaligen Position: mit Houda Zanhar hat sie eine Muslima als Interkulturelle Fachkraft angestellt. „Frau Zanhar ist eine absolute Bereicherung für uns“, sagt Kita-Leiterin Ingrid Zürker. Seit sie da ist, verstünden beispielsweise muslimische Eltern viel besser, was bei christlichen Festen gefeiert werde. „Letztes Jahr waren erstmals fast alle unsere muslimischen Eltern zum Martinsspiel in der Kirche, weil ihnen Frau Zanhar gesagt hat, dass Muslime durchaus in eine Kirche gehen dürfen“, sagt Zürker. Für das Team sei es auch eine große Bereicherung. „Wir können jetzt Rücksicht nehmen, legen keinen Elternabend oder gar ein Sommerfest in den Fastenmonat Ramadan“. Generell falle auf, dass sowohl christliche Eltern als auch muslimische nun den Mut hätten, Fragen zu stellen. So würden Missverständnisse gar nicht mehr aufkommen. Houda Zanhar ist für alle Kindergartenkinder da, nicht nur für Muslimische. Sie erklärt und fragt, was bei ihnen zu Hause Brauch ist. Für Flüchtlingskinder ist die Palästinenserin, die mit ihren Eltern im Alter von sechs Jahren als Flüchtling vom Libanon nach Deutschland gekommen ist, die erste Ansprechpartnerin. Sie spricht ihre Sprache, hat ihre Religion, hilft ihnen, Vertrauen zu den Erzieherinnen aufzubauen.

Mittlerweile ist die 33-Jährige fünffache Mutter. Die vier älteren Kinder haben die Kita St. Christophorus besucht.   Houda Zanhar hat es in der Kita so gut gefallen, dass sie beschloss, selbst Erzieherin zu werden. Ihre Ausbildung wollte sie unbedingt in St. Chritophorus machen. „In einer katholischen Einrichtung wird viel Wert auf Religion und Werte gelegt“, erklärt sie. Einfach sei es allerdings nicht gewesen, zu erreichen, dass eine Muslima eine duale Ausbildung in einer katholischen Kita machen kann, gibt Zürker zu. Erzieher katholischer Einrichtungen müssten einer christlichen Kirche angehören. So wurde in Zanhars Ausbildungsvertrag festgehalten, dass sie nicht konvertieren müsse, aber auch nicht missionieren dürfe. Houda Zanhar freut sich: „Ich werde hier so akzeptiert, wie ich bin, auch mit Kopftuch“. Nach ihrer Ausbildung wurde sie als Interkulturelle Fachkraft weiter beschäftigt und fällt somit nicht in den Personalschlüssel. Ihre Stelle wird vom Jugendamt und dem Land finanziert. (red)

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