Kultur

Donnerstag, 24. September 2015

Engagierter Prediger und begnadeter Literat

„Kalenderpfarrer“ Weisenburger aus St. Martin

Wurde mit seinen volkstümlichen Kalendern bekannt: der aus St. Martin stammende Pfarrer Aloys Weisenburger. Foto: Archiv

Bayernkönig Ludwig I. konstatierte bei den alten St. Martinern ein „natürliches Selbstbewusstsein“. Seiner Majestät machte es Pläsier, wie „mein liebes Bergvölkchen“ seinem Monarchen zwar stets freundlich, aber gar nicht devot oder untertänig begegnete. Und so wunderte ihn nicht, als der selbstbewusste Pfarrer Aloys Weisenburger 1862 seinem König eine wortgewaltig donnernde Predigt hielt. Weisenburger war da schon bekannt als „Pfälzer Kalendermann“. Er war nicht nur der berühmte Volksprediger, auch seine Hauskalender und Bücher fanden reißenden Absatz – und er war schon zu Lebzeiten international ein Begriff.

Weisenburger kam am 6. August 1815 in St. Martin zur Welt. Die Eltern, der Winzer und Bürgermeister Johannes Ägidius Weisenburger und dessen Frau Anna Maria, schickten ihr sechstes und letztes Kind auf die Lateinschule. Denn schon früh erwies sich der kleine Aloys als ein pfiffiges Kerlchen. Während die Brüder das Bäcker- beziehungsweise Metzgerhandwerk erlernten, wählte der Jüngste den geistlichen Stand und wurde katholischer Priester. Er wirkte als Pfarrer in Klingenmünster und Frankenthal sowie 30 Jahre in Hambach, wo er im Oktober 1887 starb. Eine Gedenktafel auf dem Friedhof erinnert dort noch heute an den außergewöhnlichen Seelsorger aus St. Martin.

Nicht nur das Seelenheil seiner Schäfchen kümmerte ihn, auch deren leibliches Wohl und Wehe. „Naturpredigten“ hieß man seine öffentlichen Vorträge. Gesunde Ernährung, vernünftige Hygiene und medizinische Vorsorge  waren seine Themen. Die Leute strömten, denn Aloys Weisenburger brachte ihnen die Information unterhaltsam dar. Geistreich und witzig füllte er Kirchen und Säle. Der Ruf als „Volksprediger und Musterredner“ eilte dem St. Martiner voraus.

Aloys Weisenburger war ein Mann des Wortes, auch des geschriebenen. Und so ging er unter die Literaten. Weit über die Pfalz hinaus, ja bis nach Amerika bekannt wurde er durch seine Hauskalender – im 19. Jahrhundert oft die wenige oder gar einzige Lektüre für das einfache Volk. Die „Kalender für Zeit und Ewigkeit“ fanden reißenden Absatz. Im Jahr 1852 veröffentlichte der kleine Neustadter Verlag Trautmann die ersten Schriften Weisenburgers. Bald bedurfte es eines Mainzer Großverlags, denn der Kalenderpfarrer war schnell bekannt im ganzen Land. Drei oder vier Auflagen zu je 50000 Exemplaren waren keine Seltenheit. Sogar ins Englische und Niederländische wurden die Schriftenreihen übersetzt.

„Kalender nebst einigen spaßigen, gepfefferten Beigaben für Burschen, Weiber, Männer und alte Jungfern“, versprach der Autor im Vorwort. Die schönsten Aufsätze erschienen erstmals 1855 in Buchform und weiterhin noch mehrmals.  Viele Jahrgänge hat er gestaltet. Seine „Hausmannskost für die Gesunden, Hausmittel für die Kranken, dem ganzen Volk zum Besten gegeben von Aloys Weisenburger“, machte den Pfälzer Kalendermann richtig berühmt. „Neue Hausmannskost“ wurde verlangt und folgte. Beilage zum Jahreskalender war das „Aderlassmännchen“. Das lustige Kerlchen gab hier Tipps zu Hygiene und Medizin. 

Und so wurde der Mann aus St. Martin zu einem Helfer des Volkes, den heute Volkskundler und Kulturhistoriker in seiner Bedeutung hoch schätzen. „Pfarrer Weisenburger gehört mit zu denen, die St. Martin als Dorf der Künstler und Musikanten bekannt gemacht haben. Er war ein mitreißender Redner und ein begabter Literat“, erinnert der heutige Ortsbürgermeister Timo Glaser an den Sohn eines seiner Amtsvorgänger. Der habe es verdient, „dass sein Heimatort den alten Kulturträger der Gemeinde in seiner kraftvoll mitreißenden Sprache wieder neu zur Gehör bringt“. (red)

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