Geistliches Leben

Donnerstag, 23. Juni 2016

Entscheidung für Christus – jetzt – Gedanken zum Lukas-Evangelium 10, 1–9

Antworten können, wenn andere nach dem Grund unserer Hoffnung fragen

Ich mag es nicht, wenn Leute mich in der Fußgängerzone ansprechen, um mir ein Gespräch über Gott aufzudrängen. Einen gewissen Respekt kann ich ihnen, die für ihren Glauben auf die Straße gehen, aber nicht versagen. Ein Unbehagen bleibt und die Frage: Wie sieht mein Verkündigungsdienst aus? Unser Evangelium richtet sich doch nicht nur an die 72 Jünger und die zwölf Apostel (Lukas 9,1ff), sonst wäre es heute belanglos. Was bedeutet für mich, „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ gesandt zu sein, das Evangelium zu verkünden ohne Geld, ohne Verpflegung, ohne Schuhe und Wanderstab, ohne zweites Hemd (Lukas 9,3)? Und: „Grüßt niemanden unterwegs!“

Die Ernte ist biblisches Bild für das letzte Gericht, die Arbeiter sind die von Gott ausgesandten Engel, die alle für das Reich Gottes Bestimmten aus der „großen Not“ (Matthäus 24,9) retten. Mit der Aufforderung zu beten, dass Gott mehr Arbeiter sende, erhält das Bild etwas Drängendes. Es soll keiner verloren gehen. Auch die Anweisung an die Missionare, unterwegs niemanden zu grüßen, hat dieses Drängende. Das Grußverbot übersetzt die „Bibel in gerechter Sprache“ so: „Hängt euch an niemanden unterwegs!“ Das heißt: Lasst euch nicht aufhalten, aber auch, bleibt unabhängig, geht keine Bindungen ein, die den Gang des Evangeliums hindern können. Jetzt kommt es darauf an, jetzt ist der entscheidende Zeitpunkt, der „Kairos“, in dem das Heil gewirkt wird. Nicht gestern, im Erinnern schöner Bilder, nicht morgen, im Schwelgen abgehobener Utopien, heute, in diesem Augenblick. Zeit der Entscheidung. Für Gott, für das Evangelium. Die Botschaft Jesu ist eine Sache, die man nicht auf die lange Bank schieben darf, sie muss jetzt verkündet werden, und sie verlangt meine Zustimmung hier und heute!

Und die Botschaft kommt völlig wehrlos, gewaltlos und friedfertig daher: ohne Geldbeutel, Vorratstasche und Schuhe. Die einzige „Waffe“, die sie hat, ist das Wort, das überzeugen will und zu einer personalen Entscheidung ruft. Zur Würde dieser Botschaft gehört ihre Freiheit, die sie den Menschen lässt, sie nötig nicht, sie vergewaltigt nicht, sie drängt nur, denn – jetzt ist die Zeit! Und das ist keine harmlose Sache, wie die Drohung gegen die Städte am See Genesareth zeigt. Es geht um Leben und Tod, um alles!

Den Häusern, in denen die Jünger Aufnahme finden, sprechen sie den Frieden zu, den umfassenden Schalom Gottes, der Heil, Glück, Wohlbefinden und – Geborgenheit in Gott besagt. Der Schalom ist das große Geschenk Gottes (Weihnachten). Er ist die Bestätigung der Wahrheit des Evangeliums. Mit dem Ankommen Gottes in unseren Herzen zieht auch sein Frieden in uns ein. Dieser ist geschenkt, aber nicht verschenkt. Wo sie und die Botschaft abgelehnt werden, nehmen die Jünger den Frieden wieder mit.

Verkündigung und Heilung ist der Dienst der Jünger. Sie sprechen im Namen Jesu. Wer sie hört, hört Jesus. Wer sie aufnimmt, nimmt den auf, den Jesus gesandt hat – Gott selbst (Lukas 10,16). Wo der Schalom Gottes einzieht, eröffnet sich ein Raum, in dem Menschen heil werden können. „Heilt die Schwachen!“, schreibt die „Bibel in gerechter Sprache“. Selbst die dämonischen Kräfte gehorchen den Jüngern (Lukas 10,17). Es kommt aber allein darauf an, Zugang zum Reich Gottes zu haben, aufgehoben und geborgen zu sein in der grenzenlosen Liebe Gottes. Dazu berufen sind die Schwachen, Kranken, Verlorenen.

Sinnspitze unserer Perikope ist der letzte Satz: „Das Reich Gottes ist euch nahe.“ Ich höre dabei mitschwingen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1,15). Das ist es! Darauf kommt es an: Kehrt um! Gebt eurem Leben eine andere Ausrichtung! Und der umfassende Friede Gottes und seine heilende Kraft werden in eure Herzen einziehen.

Wie kann mein Verkündigungsdienst aussehen? Wie kann ich das befreiende Wort Jesu unter den Menschen vernehmbar machen, so dass es in ihnen ankommen und seine heilende Kraft entfalten kann? Bin ich einer, der in seinem Alltag Frieden bringt? Gebe ich Antwort dem, der mich nach meinem Glauben fragt (siehe 1 Petrusbrief 3, 15)? Wir sind die Bibel, die die Menschen noch lesen. Was ist an unserem Leben, unserem Reden und Tun abzulesen? Bekennen wir unseren Glauben in der Öffentlichkeit? Sind wir „Einbruchstellen Gottes in der Welt“, lebendige Orte der Menschlichkeit? Engagieren wir uns für Menschen, die unsere Hilfe brauchen, für ihre Würde und Menschenrechte? Achten wir die Schöpfung als den wunderbaren Liebesakt Gottes? Wo Christ drauf steht, muss Christus drin sein.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Diplom-Theologe Thomas Bettinger
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