Geistliches Leben

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Entschiedenes Ja zu Gott

Was die Sternstunde Marias für uns bedeutet

Darstellung der Verkündigung des Herrn auf dem Boßweiler Altar. Zwei weitere Bildtafeln zeigen links die Geburt Jesu und rechts die Anbetung der Heiligen Drei Könige an der Krippe. Im Mittelpunkt zeigt der Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert die Verkündigung des Herrn mit dem Erzengel Gabriel und Maria. (Foto: Venus)

„Sternstunden der Menschheit“. So hat der Schriftsteller Stefan Zweig eine Sammlung von 14 kleinen Erzählungen über historische Ereignisse überschrieben, die den Lauf der Geschichte entscheidend verändert haben. Dazu gehören für ihn etwa die Eroberung von Byzanz, die Entstehung von Händels Oratorium „Der Messias“ oder das Wettrennen um die Entdeckung des Südpols. Den Titel seines Buches erklärt Zweig so: „Sternstunden – das sind dramatisch geballte, schicksalsträchtige Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist“.
Auch das, was Maria mit gerade einmal 13, 14 Jahren erlebt hat, war für sie eine Sternstunde: die Begegnung mit dem Engel Gabriel, die wir als Evangelium am Vierten Adventssonntag hören. Der Evangelist Lukas hat dieses Ereignis nach Art einer alttestamentlichen Berufungsgeschichte gestaltet. In Form eines Gesprächs zwischen Maria und einem Engel, der plötzlich und unmittelbar in ihr Leben tritt, um ihr einen göttlichen Auftrag zu übermitteln. Maria zögert zunächst. Doch der Engel schenkt ihr ein Zeichen – die unerwartete Geburt des Johannes –, so dass Maria mit ganzem Herzen ihr „Ja“ sagen kann, Mutter des Sohnes Gottes zu werden.
Wie sich all das konkret ereignete, in welcher Gestalt der Engel wirklich zu ihr kam, wie sie seine Botschaft hörte und was sie dazu brachte, ihr Ja zu sagen … wir wissen es nicht. Was wir aber wissen, ist, dass für Maria und für die ganze Menschheit nach diesem Ereignis, in dem – dessen war sie sich sicher – Gott selbst in ihr Leben getreten ist, nichts mehr wie vorher war. Auch wenn äußerlich erst einmal alles beim Alten bleibt. Sie spürt, wie das Kind in ihr heranwächst. Sie heiratet Josef – nachdem auch dieser seine Sternstunde hatte, seine Begegnung mit einem Engel Gottes. Beide gründen eine Familie, ziehen Jesus groß und leben das ganz normale Leben einer Handwerksfamilie in Nazaret. Doch immer tiefer erkennt sie, dass Gott Großes mit ihr und noch Größeres mit ihrem Sohn vorhat. Immer deutlicher wird ihr bewusst, dass er mit ihrer Hilfe ein neues Kapitel seiner Liebesgeschichte mit den Menschen aufschlagen will und bekräftigt ihr „Ja“ dazu.
An Weihnachten hören wir wieder vom Glanz der Herrlichkeit Gottes, der die Engel auf den Hirtenfeldern umstrahlt, und vom aufgehenden Stern, der den Weisen aus dem Osten den Weg zum Stall zeigt. Was neun Monate davor in einem armseligen Haus in Nazaret im Kleinen und Verborgenen begonnen hat, wird jetzt für die ganze Welt sichtbar. In der Geburt seines Sohnes hat Gott der ganzen Menschheit eine Sternstunde geschenkt. Was der Engel zuvor zu Maria gesagt hat, das verkünden die Engel nun den Hirten und durch sie allen Menschen: „Fürchtet euch nicht! Gott wird Mensch, um euch zu erlösen!“. Seither, so glauben wir, ist für die ganze Welt nichts mehr wie zuvor: „Glanz strahlt von der Krippe auf, neues Licht entströmt der Nacht. Nun obsiegt kein Dunkel mehr, und der Glaube trägt das Licht“ (Ambrosius von Mailand).
Auch für jede und jeden von uns hält Gott immer wieder kleine und größere Sternstunden bereit, in denen er in unser Leben hereinbricht, um alles Dunkel zu erhellen und uns von innen her zu verwandeln. Oft erkennen wir diese Sternstunden als solche nicht schon in dem Augenblick, in dem sie geschehen, sondern erst im Rückblick. Auch Maria hat wohl erst im Nachhinein ganz begriffen, welche Ereignisse in ihrem Leben die Sternstunden waren, in denen Gott ihr besonders nahe war. Deshalb, so heißt es in der Bibel immer wieder, bewahrte sie alles in ihrem Herzen. Sie dachte immer wieder darüber nach – in stiller Zwiesprache mit Gott.
Die bevorstehenden Weihnachtstage und die Zeit zwischen den Jahren können auch für uns eine gute Gelegenheit sein, um darüber nachzudenken, was – auch und gerade in Corona-Zeiten – unsere Sternstunden im vergangenen Jahr waren. In welchen Situationen hat sich für mich etwas unerwartet zum Guten gewendet? Welche besonderen Begegnungen haben mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin? Was waren die Momente, in denen ich deutlich gespürt habe, dass eine Entscheidung ansteht, und in denen ich die nötige Kraft bekommen habe, mein „Ja“ dazu zu sagen? Wie Maria dürfen auch wir darauf vertrauen, dass in diesen Augenblicken Gott selbst in unser Leben getreten ist. Dass sein Stern über unserem Leben aufgegangen ist, um unsere Dunkelheiten zu erhellen und um durch uns die ganze Welt zum Guten zu verändern!

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