Im Gespräch

Mittwoch, 18. Dezember 2019

„Ertrunkene sind Christus“

Kirchen bekunden Solidarität mit privaten Seenotrettern im Mittelmeer

Eindringlicher Appell: Kardinal Marx (rechts) und Landesbischof Bedform- Strohm. (Foto:KNA)

Ein Imam betet im Dom, die Seligpreisungen der Bergpredigt erklingen auf Arabisch. Flüchtlinge überwältigt der Schmerz, als sie die Namen Ertrunkener verlesen. Nicht jeder Gottesdienst geht so unter die Haut.

Die Spitzen der großen Kirchen in Deutschland haben am 14. Dezember ihre Solidarität mit privaten Seenotrettern bekundet. „Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus“, sagte Kardinal Reinhard Marx bei einem ökumenischen Gottesdienst im voll besetzten Münchner Liebfrauendom. Christus identifiziere sich „mit jedem, der Opfer wird“. Dass Menschen an der Grenze Europas weiterhin zu Tode kämen, sei ein „Skandal“, fügte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz hinzu. Ein Gemeinwesen, das sich auf christliche Traditionen berufe, dürfe das nicht hinnehmen, sagte er unter Applaus.
Bayerns evangelischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sagte, es sei gut, „Allianzen der Humanität“ auch mit Nichtchristen zu bilden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verteidigte die institutionelle Beteiligung seiner Kirche an der Seenotrettung. Diese könne Politik nicht ersetzen. „Aber wir müssen Politiker in die Verantwortung rufen und Menschen helfen, die in Lebensgefahr sind.“ Mit Marx dankte er allen, „die Menschen im Mittelmeer in sichere Häfen bringen“ oder sich anderweitig in der Flüchtlingshilfe engagierten.
In dem Gottesdienst wurde auch der Toten gedacht und vorab Namen von Flüchtlingen verlesen. Zum Beispiel der von Hamza Ben Nasr: Der 26-jährige Tunesier wurde am 23. März dieses Jahres ertrunken aus einem Schiffswrack geborgen.
Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) starben von 2014 bis zum 9. Dezember 2019 mehr als 19 000 Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer. Der Penzberger Imam Benjamin Idriz stimmte im Dom ein islamisches Totengebet an. Mit Bischof Vasilios von Aristi stand auch ein hochrangiger griechisch-orthodoxer Christ mit am Altar. Die Seenotrettungsvereine Sea-Eye und Resq-Ship begleiteten die Andacht mit einer Mahnwache vor der Kathedrale. Für ihre Arbeit wurden Spenden gesammelt.
Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth würdigte den Gottesdienst als „großartiges Zeichen“. Es sei „gut und wichtig, dass die Kirchen jetzt lauter werden“ und gerade auch Kardinal Marx sich mit Spenden und Predigten „in der Frage so exponiert“. Er hat wiederholt fünfstellige Beträge aus Kirchentöpfen für Rettungsmissionen anweisen lassen, die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland unlängst auch eine institutionelle Beteiligung beschlossen. Beide Engagements sind nicht unumstritten. Die Behauptung, die private Seenotrettung sei schuld daran, dass Flüchtlinge kämen, nannte Roth „Irrsinn“. Eigentlich sei dies Aufgabe der Politik.

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