Geistliches Leben

Mittwoch, 22. April 2020

Es ist der Herr

Der namenlose Jünger: „Leerstelle“ für uns

An diesem See Gennesaret hatte es damals so groß angefangen: Er rief, so, dass sie augenblicklich alles zurück ließen und ihm folgten. Und es fühlte sich so gut an, die ganze Zeit. Dann kamen erste Risse, Worte, die sie nicht verstanden, von seinem gewaltsamen Tod und von seiner Auferstehung. Dann diese turbulente Woche, als er am Kreuz hingerichtet wurde. Schlimmer konnte es nicht kommen. Aus diesem Tod aufertstehen, wie sollte das sein?  „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde“ (Lukas-Evangelium 24,21). Das heißt: Wir aber hatten vergeblich gehofft. Und so waren sie jetzt wieder hier am See: Alles war vergeblich.

Sie – fünf werden genannt, zwei sind namenlos. Einer von ihnen ist „der Jünger, den Jesus liebte“, der beim Abschiedsmahl an Jesu Seite lag und als einziger ihm bis zum Kreuz folgte, aber nie beim Namen genannt wird. Jetzt wird er Jesus erkennen: „Es ist der Herr“. Ihnen „offenbart“ sich Jesus. Das griechische phainein meint nicht eine nicht so recht greifbare, vage „Erscheinung“, sondern bedeutet „vor aller Augen greifbar und deutlich sichtbar machen“. Klar sagt dies hier das lateinische Wort für „offenbaren“: manifestare „handgreiflich“ machen. So ist Auferstehung nicht nur ein geistig-geistliches Geschehen, sondern leibhaft: so, dass Thomas seine Finger in die Male der Nägel und seine Hand in die Wunde der Seite hätte legen können; und so, dass Jesus offensichtlich das Kohlenfeuer bereitet hat, dass er das Brot und den Fisch nimmt und ihnen gibt: „Kommt her und esst!“ Leibhaftiger geht es wirklich nicht.
Wir haben den Herrn gesehen! Der Herr ist wahrhaft von den Toten auferstanden! Das ist jetzt die Zeitenwende, die Erkenntnis, dass eben nichts vergeblich ist: weder die Zeit ihres Lebens, die damals hier an dem See begann, als er sie beim Fischefangen zu sich rief, noch der Fischfang jetzt, der – auf sein Wort hin – hundertdreiundfünfzig große Fische ertrug: Dies gilt als Zeichen der Fülle. Jetzt ist ja auch „Erfüllung“, der Herr ist auferstanden, leibhaftig und real. Genauso real sind diese hundertdreiundfünfzig großen Fische. Warum hundertdreiundfünfzig? Wer hat sie gezählt?
Viel wurde über diese Zahl gerätselt, eine Antwort findet sich in der ältesten Deutung durch den Kirchenlehrer Hieronymus (347 bis 420), der das Alte Testament ins Lateinische übersetzte und die Prophetenbücher auslegte. In seinem Kommentar zum Buch Ezechiel widmete er sich auch der Tempelquelle in Kapitel 47: Sie entspringt im Tempel, wird zu einem stattlichen Fluss, der ins Tote Meer fließt und dessen „totes“ Wasser lebendig macht, sodass in ihm „alle Arten von Fischen“ leben werden (Buch Ezechiel 47,10). „Alle Arten von Fischen“ – das sind für Hieronymus diese hundertdreiundfünfzig Fische, die er bei dem antiken Schriftsteller Opianus Cilex als die Vollzahl der existierenden Arten von Fischen gefunden hat. So steht nach Hieronymus diese Vollzahl von Fischen einerseits für die Fülle des Heils, die mit der Auferstehung Jesu – mit dem Auferstandenen in leibhaft-realer Person – da ist, und andererseits für die Gesamtheit der Völker, denen die Botschaft von diesem Heil nun verkündet werden muss.
Der einzige, der dies erkennt, ist „der Jünger, den Jesus liebte“. Er bekennt: „Es ist der Herr“. Das ist der Grund-Satz im Glaubensbekenntnis. „Der Jünger, den der Herr liebte“: Er hat keinen Namen. Das Evangelium lädt jeden von uns ein, dass jeder ihm seinen eigenen Namen gibt. Dieser Jünger ist in seiner Namenlosigkeit so etwas wie eine „Leerstelle“, in die jetzt jeder von uns, der Jünger Jesu sein will, eintreten und mit seinem Namen – das ist: seine Gegenwart – füllen soll: Jetzt sind wir an der Stelle dieses Jüngers: am Herzen Jesu beim Abschiedsmahl, unter dem Kreuz bei Jesu Sterben, am See beim Einholen des unerwartet reichen Fischfangs, beim Erkennen und Bekennen, dass es der Herr ist, beim Empfangen vom Brot und vom Fisch, beim Essen mit ihm … Natürlich liegen Räume und Zeiten, liegen Welten dazwischen: Wir müssen das Evangelium „verheutigen“, also diese „Orte“ und diese „Leerstellen“ hier und jetzt – jeder in seinem eigenen Leben – ausmachen und sie dann entschieden und kraftvoll einnehmen.
Diesem „Er ist der Herr“ entspricht sein „Kommt und esst“. Da werden Erinnerungen daran wach, wie oft er so mit ihnen gegessen hat, bis zu dem einen Mahl, als er ihnen das Brot gab: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, gegeben für euch“, als er ihnen den Wein reichte: „Nehmt und trinkt, das ist mein Blut, vergossen für euch!“ Hier wird dieses „Noch einmal“ der leibhaften Offenbarung Jesu zum „Immer noch einmal“: Immer noch einmal offenbart sich der auferstandene Jesu Christus in leibhafter Gegenwärtigkeit, und immer noch einmal uns, wenn er uns ruft: „Kommt und esst“. Daraus kommt uns alle Kraft, und nichts wird jemals vergeblich sein.       

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