Geistliches Leben

Donnerstag, 22. September 2016

Es ist nicht der Reichtum

Schuldig wird, wer die Not des Anderen nicht sehen will – Gedanken zum Lukas-Evangelium 16, 19–31 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Der Anfang der Geschichte („Es war einmal…“) weist auf ihren Ursprung hin – so sagen Bibelwissenschaftler: Es handelt sich um ein ägyptisches Märchen, das von Juden aus Alexandria nach Palästina gebracht wurde. Darin wird von einer Fahrt in die Unterwelt erzählt, in der man zu einem Menschen, der auf Erden gut war, auch dort gut ist; wer aber auf Erden böse ist, dem ist man auch dort böse. Dieses Märchen wurde in verschiedenen Variationen erzählt. Jesus hat es sicherlich auch gekannt.

Er veranschaulicht die Aussage dieses Märchens durch die Bilder, die er mit seinen Augen täglich sah, wenn er durchs Land zog: Er sah in den Gassen und vor den Hütten eine fleißige Armseligkeit und Not und Elend, oft in Überfülle. Er sah die Bettler und die Gelähmten, die Frauen ohne Mann, die nicht wussten, wie sie tägliche Nahrung für ihre Kinder bekommen konnten.

Die Not des Bettlers in dieser Geschichte wird sehr krass beschrieben: Er ist wie ein Aussätziger mit Geschwüren bedeckt; er leidet so großen Hunger, dass er am liebsten von den Brotfladen gegessen hätte, die von den Gästen des Reichen zum Abwischen der Hände benutzt und danach unter den Tisch geworfen werden. Nur die streunenden Hunde, deren er sich nicht erwehren kann, kommen und belecken seine Geschwüre.

Auffallend ist, welche Würde er bei Jesus genießt, denn er ist der Einzige in diesem Text, der mit einem Namen charakterisiert wird.  Über den Reichen ist nicht gesagt, dass er sein Hausgesinde unterdrückt, sondern er sieht den Armen nicht! Er sieht ihn erst, als er in der Unterwelt ist und unter qualvollen Schmerzen leidet. „Er blickte auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.“ Nicht der Reichtum an sich ist seine Schuld, sondern das Nicht-Sehen der Not anderer. Er hat nicht gesehen, was vor sich geht, sonst wäre er mit seinem Reichtum anders umgegangen.

Im Schluss dieser Beispielerzählung geht es nicht wie im oben erwähnten Märchen darum, dass es demjenigen, der in diesem Leben gut war, auch im jenseitigen Leben gut geht und umgekehrt. Es geht auch nicht um den gerechten Lohn und die verdiente Strafe, die jedem Menschen dereinst zuteil wird.

Jesus setzt die Akzente anders, obwohl in dieser Erzählung auch von Strafe und Belohnung die Rede ist. Lazarus wird nicht getröstet, weil er elend und voller Schwächen und auf den Hund gekommen ist, sondern er wird gerettet, weil er Gott auch in seinem Leid noch die Treue hält. Der Name Lazarus heißt übersetzt: „dem Gott hilft“.  

Wir erfahren nicht, wie er seine Notlage innerlich verarbeitet hat, aber sein Name besagt, dass er auf Gott vertraut und sich von ihm helfen lassen will. Und so erlangt er das Heil und erfährt Rettung.

Und da gibt es noch einen überraschenden Gedanken: Aus der „Unterwelt“ kommt plötzlich ein Wunder der Mitmenschlichkeit. Als der Reiche merkt, dass ihm selbst nicht mehr zu helfen ist, versucht er, wenigstens seine Brüder vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. Er macht dem Abraham den geradezu verzweifelten Vorschlag, den Lazarus ins Leben zu seinen Brüdern zu schicken, um sie zu warnen, dass nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.

Dem Einwand, dass sie doch die Weisung des Mose und der Propheten hätten, hält er entgegen, dass diese Hoffnung in ihrem Fall vergeblich sei, aber von einem ins Leben zurückgekehrten Toten würden sie sich warnen lassen. Doch Abraham beharrt auf seinem Standpunkt: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“

Mit dieser Äußerung bringt Jesus wohl seine eigene Enttäuschung zum Ausdruck, dass seine Verkündigung, die ja auf dem „Gesetz“ – also auf Mose und den Propheten – aufbaute, oft auf Ablehnung stößt, und man seinen Zeichen keinen Glauben schenkt.

Versuchen wir diesen Text für uns zu lesen und Hilfen zur persönlichen Lebensgestaltung zu suchen.

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