Aus dem Bistum

Mittwoch, 25. Juli 2018

„Es muss mehr Geld in das System“

In der Altenpflege krankt es an vielen Stellen – Einschätzungen von Experten aus Theorie und Praxis

Der Leiter der Fachschule für Altenpflege, Timo Siebenborn (rechts), mit Schülern während des Unterrichts. Foto: Tresch/Caritas

Der Pflegenotstand in Deutschland ist in aller Munde. Überlastetes Personal, zu geringe Bezahlung, fehlender Nachwuchs sind nur drei Stichworte, die zeigen, dass das System krankt. Die Politik hat das Problem erkannt und verspricht Abhilfe, und zwar mit dem „Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals“, das am 1. Januar 2019 in Kraft treten soll. Damit will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spürbare Verbesserungen im Alltag der Beschäftigten in der Kranken- und Altenpflege erreichen.

13 000 Pflegekräfte mehr in den stationären Pflegeeinrichtungen – das ist eines der Ziele, das aus dem Gesetzentwurf hervorgeht. So sollen etwa Seniorenheime mit bis zu 40 Bewohnern eine halbe Pflegestelle erhalten, Einrichtungen mit 41 bis 80 Bewohnern eine Pflegestelle. „Das ist zu wenig und reicht nicht einmal im Ansatz aus“, stellt Timo Siebenborn, Leiter der Fachschule für Altenpflege des Diözesan-Caritasverbandes, klar. Gefordert würden von verschiedenen Verbänden 60 000 und mehr Pflegekräfte. Und: „Bundesweit sind bereits jetzt circa 35 000 Stellen in der Altenpflege nicht besetzt.“

Die Ausbildung der Fachkräfte erfolgt dual in Theorie- und Praxisblöcken. Im Jahr 2017/2018 besuchten insgesamt 125 Frauen und Männer die Altenpflegeschule in Ludwigshafen. „Die Schüler berichten uns immer wieder von personellen Engpässen in den Seniorenheimen“, erzählt Siebenborn. Viele von ihnen würden von Anfang an voll eingebunden, müssten teilweise sogar während den Theorieblöcken einspringen. Zudem fehle es manchmal aufgrund des Zeitmangels oder unterschiedlicher Dienstzeiten an einer adäquaten Begleitung durch die Praxisanleiter, die für die praktische Ausbildung zuständig seien.

Erschwert würde die Situation durch häufig geänderte Dienstpläne aufgrund der Erkrankung von Kollegen, was zu Lasten der Freizeit gehe. Denn Statistiken belegten, dass die Ausfallzeiten in der Pflege überdurchschnittlich hoch seien. Was die Bezahlung betrifft, „so ist sie in konfessionellen Einrichtungen besser“.Nahezu 60 Prozent der 125 Schüler des abgelaufenen Schuljahres arbeiteten bei kirchlichen Trägern. Einen Unterschied in der Ausbildungsqualität von privaten und konfessionellen Häusern kann Siebenborn nicht feststellen. „Allerdings ist die Vergütung oft in solchen Einrichtungen schlecht, in denen sich auch sonst viele Mängel feststellen lassen.“

Timo Siebenborn sieht aber auch positive Entwicklungen. Das Bewusstsein der Pflegeheimleiter ist seiner Einschätzung nach gewachsen, etwa in Bezug auf die Wichtigkeit einer Praxisanleitung – eine Voraussetzung, um eine gute Ausbildung zu gewährleisten. „Denn die Verantwortlichen merken mittlerweile: Wenn sie ihr Personal nicht an sich binden, dann kann dies zum Aufnahmestopp von Bewohnern führen – einfach weil sie nicht die Fachkraftquote von 50 Prozent vorweisen können.“

Ein weiterer Grund, warum sich die Pflegeeinrichtungen interessanter für Beschäftigte machen müssen, ist die am 28. Juni vom Bundestag verabschiedete Reform der Pflegeausbildung, die den Konkurrenzkampf um Auszubildende innerhalb des Pflegesektors verstärken dürfte. Ziel der „Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe“ ist es, die Pflegeausbildung insgesamt attraktiver zu machen und an die neuen Bedürfnisse der alternden Gesellschaft anzupassen. Im Kern beinhaltet die Verordnung ab 2020 zunächst eine zweijährige generalistische Pflegeausbildung für alle Bewerber. Im dritten Ausbildungsjahr können die Nachwuchskräfte die generalistische Ausbildung fortsetzen oder einen spezialisierten Abschluss als Alten- oder Kinderkrankenpfleger wählen.

Siebenborn begrüßt grundsätzlich die Reformierung der Pflegeausbildung, da sich die Tätigkeitsfelder in der Alten- und Krankenpflege mehr und mehr überschneiden würden. Als Beispiel nennt er die Versorgung demenzkranker Patienten im Krankenhaus. Allerdings kritisiert er den eigenständigen Altenpflegeabschluss, der „eine geringere Qualifikation beinhaltet und in der Europäischen Union nicht anerkannt wird“. Er glaubt, dass der Altenpflegeabschluss ein Zugeständnis an stationäre Pflegeeinrichtungen ist, da diese befürchteten, beim Buhlen um Pflegekräfte aufgrund des schlechten Images der Altenpflege eher den Kürzeren zu ziehen.

Die Fachschule für Altenpflege in Ludwigshafen kann sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. Im kommenden Schuljahr steigt die Zahl der Schüler sogar auf 150. „Der überwiegende Teil der Bewerber entscheidet sich bewusst für den Kontakt zu alten Menschen“, betont Timo Siebenborn. „Denn viele von ihnen haben privat Erfahrungen in der Pflege und erlebten sie als positiv.“ Jeder zweite Schüler des abgelaufenen Schuljahres hat einen Migrationshintergrund. „Schließt man die Gastarbeiter- und Spätaussiedler-Nachkommen mit ein, so sind es sogar 75 Prozent.“ Abbrecher gibt es nur wenige. Die Quote liegt über alle Klassen hinweg gerade einmal bei einem Prozent. „Bei Problemen führen wir Gespräche mit den Betroffenen, beraten sie und zeigen ihnen Perspektiven auf.“


Altenzentrum St. Ulrich in Neustadt

Misgane Kebede denkt nicht ans Aufhören. Im Gegenteil. Im Caritas-Altenzentrum St. Ulrich in Neustadt hat der 26-Jährige aus Eritrea die einjährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer bereits erfolgreich abgeschlossen. Nun befindet er sich im zweiten Lehrjahr mit dem Ziel, nach insgesamt drei Jahren das Abschlusszeugnis in den Händen zu halten und danach als Altenpfleger zu arbeiten. Erfahrungen in der Pflege konnte er bereits im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres im Krankenhaus Hetzelstift in Neustadt sammeln und in seinem Heimatland, wo er eine dreieinhalbmonatige Ausbildung zum Krankenpfleger absolvierte. 2014 war er nach Deutschland geflohen, um hier ein neues Leben anzufangen. Dem frisch gebackenen Familienvater gefällt die Arbeit mit alten Menschen. „Es ist ein gutes Gefühl, ihnen helfen zu können.“

75 Bewohner leben in St. Ulrich. 26 Vollzeitstellen stehen Einrichtungsleiter Ernst Ohmer derzeit zur Verfügung. Sie sind auf 40 Beschäftigte aufgeteilt. Laut dem neuen Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz hat sein Haus Aussicht auf eine Vollzeitstelle mehr. Für Ohmer ist dies nur ein erster Schritt. Seiner Meinung nach müsste mehr Geld ins System fließen. Konkret fordert er flächendeckende Tarifverträge und eine leistungsgerechtere Bezahlung. Bruttogehälter um 3 000 Euro seien nicht ausreichend. „Da verdient ein Arbeiter am Band in der Automobilindustrie mehr.“ Für Ohmer ist es nicht einfach, Fachpersonal zu finden. „Der Markt in Neustadt ist vollkommen leergefegt“, stellt er klar. „Wenn mich eine Fachkraft verlässt, muss ich einen Aufnahmestopp verhängen.“

Ein weiteres Problem: die steigende Krankheitsquote. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt bei 46. Hinzu kommen größere Anforderungen an die Pflege. „Bei uns leben Bewohner, die körperlich gebrechlich und dement sind“, so Ohmer. Im Schnitt liege ihr Alter bei 87.

„Durch die höhere Ausfallquote muss auch der Dienstplan immer wieder geändert werden, was die Gestaltung der Freizeit erschwert“, ergänzt Praxisanleiterin Sabine Schanz. Sie fordert ein attraktiveres Bild des Altenpflegeberufes in der Öffentlichkeit. „Wenn man Menschen für den Pflegeberuf begeistern will, dann muss er positiv besetzt sein.“ (pede)

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