Kultur

Freitag, 26. Mai 2017

„Es war streng bis ,dortenaus’“

Beate Anselmann lebte zu Zeiten Edith Steins in der Lehrerbildungsanstalt der Dominikanerinnen

Beate Anselmann erinnert sich an ihre Zeit im Klosterinternat St. Magdalena. Foto: Schmalenberg

„Ich bin noch zu Kaisers Zeiten geboren“, kokettiert Beate Anselmann gerne, und wenn man es nicht nachrechnet, kann man kaum glauben, dass die rüstige Dame, die als zweites von sechs Kindern der Familie Minges am 1. Februar 1918 in Flemlingen geboren wurde, gerade ihren 99. Geburtstag feierte. „Auf dem Landauer Marktplatz hab’ ich mal Kronprinz Rupprecht gesehen“, setzt die gesellige Südpfälzerin, die heute in der Obhut ihrer Tochter in Burrweiler lebt,  noch eins drauf.

„Schicken Sie die in die höhere Schule – die ist gut!“, habe ihr Lehrer dem Vater empfohlen, und so kam das Dorfkind ins Gymnasium nach Landau. Gefallen hat es ihr dort bestens, aber ihr Onkel, ein Pfarrer, war von den modernen Umständen nicht begeistert. „Vierzig Knaben und nur vier Mädchen – die muss runter vom Gymnasium“, lautete seine Rechnung, als sie ins Teenageralter kam „und die Poussage anfing“. Damit ihre Intelligenz weiter gefördert wurde, kam  Beate Anselmann mit 13 Jahren in die Lehrerbildungsanstalt der Dominikanerinnen von St. Magdalena nach Speyer. „Ich hab erst viel später gemerkt, dass so jemand Prominentes in der gleichen Schule und sogar jeden Tag mit mir in der gleichen Kirche war“, wundert sie sich rückblickend über die gemeinsame Zeit mit Edith Stein. Aber damals war die 1891 geborene Jüdin, die 1922 in Bad Bergzabern katholisch getauft wurde, 1942 in Auschwitz starb, 1987 selig und 1998 heilig gesprochen wurde, ja auch noch nicht so berühmt. Und Beate Anselmann, die ihr freies Leben im Heimatdorf schmerzlich vermisste, hatte alle Mühe, sich an den ungewohnten Kloster-Internats-Alltag zu gewöhnen.

„Es war streng bis ,dortenaus’“, stöhnt sie noch heute. „Um sieben Uhr war Unterricht, davor die Frühschicht. Wir haben mit dem Gong gelebt. Überall hat’s gegongt: zum Aufstehen, zum Essen, zum Beten.“ Und Spazierengehen durften die jungen Fräulein nur in der geführten Gruppe. Werktags ging's über den Eselsdamm, sonntags – wenn alles menschenleer war und kein Geschäft offen hatte – durch die Stadt. „Entlang der Johannesstrasse, wo früher der Pilger war, zum Dom und weiter zum Altpörtel – vorbei am Priesterseminar. Die haben alle aus dem Fenster geguckt und uns ausgelacht, weil wir geschlossen gehen mussten“, hat Beate Anselmann, die 1937 als Lehrerin entlassen wurde, noch immer in lebhafter Erinnerung.

Ihre erste Stelle hat sie dann nach einem halben Jahr Arbeitsdienst im Schwarzwald an der Dorfschule Herx-heim angetreten. „Dort saßen Zwölfjährige, und ich war 19 und hatte von der Welt keine Ahnung!“ Was sich schnell ändern sollte, denn in den turbulenten Kriegszeiten hat Beate Anselmann binnen 14 Jahren 18 Lehrerstellen bekleidet, bevor sie in Burrweiler ganz allein die ziemlich runtergekommene Dorfschule übernahm.

Fünf Jahre später hat sie den Winzer und Witwer Wilhelm Anselmann geheiratet, eine Familie gegründet und den Lehrerberuf gegen die Büroarbeit im Weingut und viel ehrenamtliches Engagement in der Pfarrei St. Alban getauscht. Sie war Mitbegründerin der Frauengemeinschaft, Mitglied im Pfarrgemeinderat und Organisatorin der Seniorentreffen. Stolz ist sie bis heute darauf, dass sie als erste Frau in Flemlingen den Führerschein gemacht hat. Mit ihrem Auto ist sie regelmäßig zu den Treffen der Ehemaligen ins Magdalenenkloster gebrummt, die es mangels Teilnehmern längst nicht mehr gibt. Zum 99. Geburtstag hat sich Beate Anselmann, die seit 1989 verwitwet ist, aber von den beiden eigenen und den beiden Stiefkindern vier Enkel und vier Urenkel hat, gewünscht, „dass ich auch den Hundertsten feiern kann“. (bsch)

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