Kirche und Welt

Mittwoch, 23. März 2016

Fragen an die „Zweite Schöpfung“

Weltkonferenz der Ethikräte über globale gültige Normen

Auch große Risiken. Forscher in aller Welt versuchen, den Geheimnissen des Lebens auf die Spur zu kommen. Foto: actionpress

Mit den Fortschritten von Gentechnik oder Hirnforschung wachsen auch die Risiken. Ob und wie Politik und Ethik hier Schritt halten können, darüber tauschten sich in Berlin Experten aus aller Welt aus.

Chancen und Risiken moderner Forschung verlangen nach Überzeugung von Bundespräsident Joachim Gauck zunehmend nach internationalen Antworten. Zur Eröffnung des Weltgipfels der Ethikräte und Bioethik-Komitees in Berlin verwies das Staatsoberhaupt jetzt auf Entwicklungen in Gentechnik und Hirnforschung und warnte vor verhängnisvollen Fehlentwicklungen – wie die Aushöhlung der Menschenwürde oder die Verletzung der Menschenrechte durch gezielte Eingriffe in das menschliche Erbgut.

Auf der zweitägigen Konferenz in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften berieten rund 200 Vertreter nationaler Ethikräte und Bioethik-Komitees aus mehr als 100 Ländern über neue Technologien, deren Anwendung Menschenrechte und Menschenwürde berührt.

Dabei geht es auch um das sogenannte Genome-Editing oder die Genomchirurgie. Mit der sogenannten CRISPR-Cas9-Technologie – gleichsam einer biologischen Schere – lassen sich inzwischen Teile des Erbguts rasch austauschen. Das Brisante an der Entwicklung: Es wird einfacher, nicht nur das Erbgut des Einzelnen zu verändern, sondern aller künftigen Generationen, die von ihm abstammen. Damit könnten sich unterschiedliche Spezies von Menschen entwickeln. Offen sind die langfristigen Folgen. Andererseits ist damit die Hoffnung verbunden, die Menschheit von schweren Erbkrankheiten zu befreien.

Gauck erwähnte auch Fortschritte in der Gehirnforschung. Neben den Chancen stehen hier nach seinen Worten Autonomie, Individualität, ja Identität des Menschen zur Disposition. Eine weitere Herausforderung: Die Schaffung neuer Organismen. Als Krankheitskeime sind sie nicht nur in Händen von Terroristen gefährlich, sie bilden auch eine neue Spezies in der Evolution. Der Mensch ist längst zu einem Mitgestalter der Evolution geworden.

Angesichts dieser Entwicklung bekomme das Wort „Schöpfung“ einen ganz neuen Klang, so Gauck. „Denn bioethische Fragen sind Fragen nach unserem gemeinsamen Selbstverständnis, nach unserem Menschsein.“ Welche Maßstäbe sollen für eine solche „zweite Schöpfung“ gelten? Und wie kann die Ethik überhaupt mit der beschleunigten Entwicklung Schritt halten?

Es war inzwischen das 11. Treffen der nationalen Ethikexperten unter dem Schirm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Unesco. Das mag optimistisch stimmen. Zudem gibt es seit 2005 eine Allgemeine Erklärung über Bioethik und Menschenrechte. Das Selbstverständnis der einzelnen Komitees ist allerdings durchaus unterschiedlich – sofern Länder überhaupt über solche Räte verfügen. Und die Deklaration der UN-Wissenschaftsorganisation wurde lediglich per Akklamation angenommen. Sie besitzt keine völkerrechtliche Verbindlichkeit.

Umso mehr betonte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, die Notwendigkeit unabhängiger, fachübergreifender und pluralistischer Ethik-Kommissionen, die nicht Einzelinteressen oder politischer Macht unterlägen und sich mit ethischen Grundsätzen für Medizin, Lebenswissenschaften und entsprechenden Technologien auseinandersetzten. Grundlage müssten universelle Werte sein, wie sie die Menschenrechtserklärung grundgelegt habe. Das widerspricht für Woopen aber nicht einem ethischen Pluralismus bei der konkreten Umsetzung. Dieser ergebe sich schon aufgrund der unterschiedlichen religiösen oder kulturellen Prägungen.

Sie betonte allerdings, dass viele Entscheidungen immer noch zu oft von Finanzinteressen, schlichtem Machtstreben oder persönlichen Ambitionen von Forschern geprägt seien. So befasst sich das Treffen auch mit der Verantwortung von Politik und Rechtsprechung in der Bioethik, also mit der Durchsetzung ethischer Normen.

Die stellvertretende Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, Marie-Paule Kieny, verlangte angesichts der globalen Folgen von Forschung und Wissenschaft „globale ethische Gesetze“. Die Welt stehe an einem Scheideweg, so Kieny, bei dem es um das Selbstverständnis des Menschen gehe. Ein wesentlicher Schritt wäre für Woopen schon getan, wenn die UN-Bioethik-Deklaration vertragliche Verbindlichkeit erhielte. (Christoph Scholz, kna)

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