Geistliches Leben

Freitag, 22. Februar 2019

Früchte oder Früchtchen

Gedanken zum Lukas-Evanglium 6, 39–45 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Für uns Christen ist Jesus Christus das Maß aller Dinge. Wer die Welt verstehen will, kann nicht bei seiner eigenen stehen bleiben. Sich und seine individuellen Sichtweisen absolut zu setzen wäre kurzsichtig, wohlwissend, dass die eigene Perspektive nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit abbildet. Besonders in der Schule erlebe ich immer wieder, wie weit die Welt der Kinder und Jugendlichen von meiner eigenen entfernt ist. Befremden und ungläubiges Staunen befällt mich, wenn ich immer wieder einer Masse von englischen Namen und Bezeichnungen und einer Vielzahl neuer Strömungen und Berühmtheiten begegne, die wie aus dem Nichts auf der Bildfläche erscheinen.

Youtuber (= Videofilmer im Internet, die möglichst viele Anhänger gewinnen wollen), Blogger (= Autoren, die ihre Sichtweisen im Internet in Blog-Beiträgen verbreiten) und Influencer (= Personen, die durch ihre mediale Präsenz und ihr hohes Ansehen gesellschaftlichen Einfluss ausüben) stehen bei Schülerinnen und Schülern hoch im Kurs. Durch das, was Größen dieser Branche wie Masha, Caro oder Toni machen, wird ein enormer Einfluss auf die jüngeren Generationen ausgeübt. Sie setzen Trends, sagen, was und wer angesagt ist und bei der Gelegenheit vermarkten sie sich gleich selbst.

Jede Zeit bringt augenscheinlich ihre Typen und (Licht-)Gestalten hervor; ob diese einem passen oder nicht. Kriterium für die Beurteilung von ihnen sollte sein, was Helmut Kohl schon sagte: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ In anderen Worten, aber im Kern vergleichbar, heißt es heute im Lukas-Evangelium: „Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten.“ Gewissermaßen begegnet uns hier ein universeller Maßstab, den wir auf alle Bereiche des Lebens anwenden können. Im Hinblick auf die Einordnung von Menschen führt Jesus bei Lukas weiter aus: „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist; und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist.“

So einfach ist das!? Machen wir doch den Praxistest und überprüfen unser Umfeld, Politik und Gesellschaft auf ihre „Früchte“. Was bleibt am Ende von Versprechungen und Zusagen übrig? Um was geht es wem, und auf wen oder was kann ich mich wirklich verlassen, besonders wenn es eng wird? Kommt letztlich wirklich etwas Positives heraus oder entpuppen sich die Früchte als Früchtchen, die einen über den Tisch gezogen haben?
Von besonderer Bedeutung für einen wachsenden Personenkreis (nicht nur jüngerer) scheint heutzutage die Gruppe der Influencer, also der gesellschaftlichen Beeinflusser zu sein. Vor allem in der Werbung und im Marketing sind sie gefragt. Über beispielsweise Facebook, YouTube und Instagram verbreiten sie ihr Wissen und ihre Meinung. Ihnen wird im Besonderen soziale Autorität und Vertrauenswürdigkeit attestiert. Dementsprechend gilt es gerade ihnen gegenüber geboten, kritisch hinzuschauen und sich zu fragen, welche Folgen hat deren Handeln?
Für Christen ist der „Influencer INRI“ das Maß aller Dinge. Diesem Jesus ging es nicht darum, permanent die Öffentlichkeit zu suchen, mit den richtigen Leuten gesehen zu werden und schon gar nicht wollte er irgendein Geschäft mit seinem Auftreten machen. „Influencer“ stehen dem Wort nach, provokant formuliert, in der Nähe zu einer „Influenza“, also einer Grippe. Vor allem für Menschen, die nicht immun gegen diese Einflussnahmen sind, können sie eine nicht zu unterschätzende krankmachende Gefahr darstellen.

Nicht nur Bäume, sondern auch Menschen kann man an ihren Früchten erkennen, das sagt uns heute Jesus. Ihm geht es hierbei nicht um kleinkarierte Nörgeleien, in denen wir „Splitter“ beim anderen suchen. Wichtiger ist ihm, den Blick auf unübersehbaren Folgen zu richten. Klar ist, dass manche Früchte lange reifen müssen und es nicht jedem vergönnt ist, die Früchte seiner eigenen Arbeit zu ernten. Manches Engagement erscheint geradezu vergebens und nicht Frucht bringend. In diesem Fall gilt es, sich vor Augen zu halten, dass kein Baum schnell in den Himmel wächst und alles seine Zeit braucht. Jesus nur nach seinem Erfolg zu Lebzeiten zu beurteilen, würde ihm auch nicht gerecht werden.

Dementsprechend sollten wir bei allem berechtigten Wunsch nach Erfolgserlebnissen nicht vergessen, dass vieles nicht in unserer Hand liegt und wir nur darauf vertrauen können, dass es mit Gottes Hilfe seinen guten Weg gehen wird. (Thomas Stephan)

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