Geistliches Leben

Freitag, 21. Juni 2019

Für wen halten wir Jesus?

Gedanken zum Lukas-Evangelium 9, 18–24 von Pastoralreferentin Simone Reuther

Wenn Jesus Whatsapp hätte, wie sähe wohl sein Profilbild aus? Würde es unserem Bild von Jesus entsprechen? Was haben wir überhaupt für ein  Bild von ihm?

Profilbilder in den aktuellen sozialen Medien sind enorm wichtig, denn da stelle ich mich vor: So bin ich! Das sind meine Vorlieben und Werte. Gleichzeitig ist genauso wichtig: Wie werde ich wahrgenommen? Für wen halten mich die anderen? Wie komme ich an?

Insofern sind die Fragen Jesu an seine Jünger über die Meinung der anderen Leute und über ihre eigene sehr aktuelle und nachvollziehbare Äußerungen. Aber schauen wir uns die Situation dieses Evangelium genauer an: Sie beginnt, in der Übersetzung der Lutherbibel, mit den Worten: „Und es begab sich, als Jesus allein war und betete und nur seine Jünger bei ihm waren, da fragte er sie und sprach“. Ist das nicht ein Widerspruch? Jesus wird als  „allein“ dargestellt, aber seine Jünger sind bei ihm. „Allein“ bedeutet hier: Intimität, Nähe, Vertrautheit, aber auch Vertraulichkeit. Die Jünger werden in sein Alleinsein, aber besonders auch in sein Zusammensein mit dem Vater, mit hineingenommen. „Sie dürfen ihn als den sehen, der (…) mit dem Vater von Gesicht zu Gesicht, von Du zu Du redet“ (Joseph Ratzinger). Sie dürfen mehr sehen als die Leute, und aus diesem Sehen kommt ihre Erkenntnis. Die Jünger sehen Jesus so, wie er ist, in seinem Eigensten, als Gottes Sohn. Daraus nämlich werden erst seine Worte und Taten, seine Vollmacht, verständlich.

Das Bekenntnis des Petrus hat seinen Grund in der Spiritualität dieser Situation: dabei sein zu dürfen, wenn Jesus ganz der ist, der er wirklich ist! Dabei sein zu dürfen, wenn Jesus allein ist mit seinem Vater. Erst dann findet wahres Verstehen und Erkennen statt. Trauen wir uns, als seine Jünger heute, mit Jesus allein zu sein? Ertragen wir es? Was wäre dann unser Bekenntnis?
Andererseits stellt dieses Evanglium auch die Frage an uns: Wie sieht es mit meiner Sehnsucht aus, als die und als der erkannt zu werden, die und der ich bin? Reicht dafür ein Profilbild aus? Oder erfordert es nicht eher, wie bei Jesus, das Alleinsein mit engsten Vertrauten, denen ich mich so zeigen kann, wie ich wirklich bin? Auf alle Fälle erfordert es ein gewisses Maß an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein.

Maria Ward prägte den Satz: „Zeige dich so, wie du bist und sei so, wie du dich zeigst“, ein Satz, der ihr in Zeiten der Stille und des Gebetes geschenkt wurde. Er gab ihr die Kraft, ihrer Sache treu zu bleiben durch alle Widerstände und Schwierigkeiten hindurch. Mich so zu zeigen, wie ich bin, das ist also nicht ein Anspruch, der mich überfordern, einengen oder mir genau sagen will, was ich tun soll, sondern in erster Linie ein Zuspruch: Du bist ein wertvoller Mensch – Gottes geliebtes Kind! Und zwar genau so, wie du bist. Vertraue darauf! Zeiten des Alleinseins, der Stille und des Gebetes sind wichtig, um echt, wahrhaft und authentisch bleiben zu können. Nur so kann schließlich mein „Profilbild“ mit mir selbst übereinstimmen, nur so kann ich erkannt und angenommen werden, wie ich bin.

Die Frage Jesu an seine Jünger zeigt aber auch, dass ich erst am DU zum ICH werden kann. „Der Mensch wird am Du zum Ich“ (Martin Buber). Die Rückmeldungen der Menschen um mich herum, das In-Gemeinschaft-Sein, geben mir das Profil, auf das ich so dringend angewiesen bin. Das wirkliche Leben findet in der Begegnung, in der Beziehung, statt. So werden auch die Jünger herausgefordert, am „Profilbild Jesu“ mitzuwirken.

Letztlich kann Authentizität oder die Treue zu mir selbst auch bedeuten, Gewohntes, Liebgewonnenes und Aufgebautes zu verlassen und neue Wege zu gehen. Das ist schließlich das, was Jesus von seinen Jüngern erwartet, wenn er sie auffordert, sie sollen sich verleugnen. Hier geht es nicht um das Verleugnen des wahren Selbst, sondern um das Aufgeben all dessen, was uns in ein Format zwängt, das Aufgeben des Profilierens nur um unserer selbst willen. Wie oft bauen wir uns etwas auf, das hauptsächlich dazu dient, uns in ein gutes Licht zu setzen und ein vorteilhaftes Bild von uns entstehen zu lassen. Aber wer steht dann wirklich hinter diesem Bild? Könnten wir nicht auch mal – wie Jesu – die Menschen, die uns am nächsten stehen, fragen, wie sie uns wirklich sehen?

Vielleicht wäre es für uns eine große Befreiung! Unsere Profilsucht und das beständige Basteln am eigenen Image (siehe das millionenfache Hochladen immer neuer Bilder auf Instagram und anderen sozialen Medien) ist sehr anstrengend und führt zudem oft ins Nichts, denn „du HERR hast mich erforscht und kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern“ (Psalm 139,1f).  

(Pastoralreferentin Simone Reuther)


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