Kultur

Mittwoch, 22. August 2018

Geschenkte Lebenszeit

ARD-Doku über Patienten nach einer lebensrettenden Organspende

Nur 28 Prozent der Deutschen haben einen Organspendeausweis. Foto: actionpress

In Deutschland fehlen Organspender. Zu wenig Menschen sind bereit, sich registrieren zu lassen. Dabei warten immer mehr Patienten auf die erlösende Nachricht, dass es für sie einen Spender gibt. Leo Veenendaal und Meggie Wolfsheld hatten einen Schutzengel, der ihnen ein zweites Leben schenkte. Sie warteten jahrelang auf ein Spenderorgan. Der Tod eines anderen Menschen und die Großzügigkeit eines Verwandten gaben ihnen eine zweite Chance. Die Langzeit-Reportage „Mein Organ hat eine Seele – letzte Chance Transplantation“ von Norman Striegel hat die beiden über vier Jahre begleitet. Das Erste strahlt den Film am 26. August um 17.30 Uhr im Rahmen der Reihe „Echtes Leben“ aus.

Leo Veenendaal ist gerade 16, als seine Niere versagt. Seitdem wird sein Leben von der Dialyse bestimmt. Drei Nächte verbringt er jede Woche für die Blutwäsche im Krankenhaus. Er versucht, sein Leben normal zu gestalten, studiert Medizin, treibt Sport, baut sich eine Beziehung auf. Er habe den Ehrgeiz, dass ihm keiner seine Erkrankung anmerke, erzählt er im Gespräch. Aber oft sei er einfach zu erschöpft und müde, um die Leistung eines gesunden Menschen zu erbringen. Die Hoffnung auf eine Spende gibt er auf. Sein Vater gibt schließlich eine seiner Nieren, damit der Sohn gesund weiter leben kann.

Im Jahr 2012 wurden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation 766 Nieren von Menschen gespendet, obwohl das Organ auch in ihrem Körper gebraucht wird. Fünf Jahre später waren noch 557 Spender zu diesem drastischen Schritt zu Lebzeiten bereit. Ebenso kontinuierlich ging die Zahl der Organentnahmen nach dem Tod eines Menschen zurück. 1 820 Nieren wurden 2012 transplantiert, fünf Jahre später waren es nur noch 1 364. Auf solche Statistiken verzichtet die Reportage aber. Sie setzt auf die Emotionalität der beiden Schicksale. Leo und Meggie hätten ohne die Transplantation die vergangenen Jahre kaum überlebt.

Lungen können nur von Toten entnommen werden. Meggie denkt heute oft an den Menschen, der über seinen eigenen Tod hinaus gedacht hatte und einen Organspenderausweis bei sich hatte. „Ich habe demjenigen mein Glück zu verdanken“, gesteht sie. Gerne würde sie sich bedanken, der Datenschutz verbietet aber die direkte Kontaktaufnahme mit den Hinterbliebenen. Vor der Operation konnte die passionierte Motorradfahrerin und Karnevalistin ihr Haus nicht mehr verlassen. „Ich bin verrentet worden, es ging von Jahr zu Jahr rapide abwärts.“

Doch sie weiß auch, dass die gespendete Lunge ihr eventuell nur für eine begrenzte Zeit gute Lebensqualität gibt. Im Schnitt leben Menschen mit transplantierten Lungen acht Jahre, haben ihr die behandelnden Ärzte gesagt. Ob es dann wieder ein Organ geben wird, daran mag die 57-Jährige nicht denken. 799 Menschen, die dringend auf eine Lunge warten, waren 2017 bei Eurotransplant registriert. 377 von ihnen leben in Deutschland. Der Bedarf an Spenderorganen ist hoch. Aber die Deutschen haben nach Beobachtung von Eurotransplant Angst, dass Ärzte leichtfertig und zu früh ihren Tod erklären, um Organe entnehmen zu können.

Länderübergreifend vermittelt die Institution den passenden Patienten zum Organ. 2017 wurden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation im Inland 2 595 Organe postmortal gespendet. 434 davon gingen an Empfänger außerhalb des Landes. Die Spendenbereitschaft in Europa ist dabei im Ungleichgewicht. Kroaten und Belgier spenden überproportional viel; die Deutschen dagegen sind Spendemuffel. Nur 28 Prozent besitzen einen Organspendeausweis. Die Angst ist unverständlich, sagen nicht nur die Experten von Eurotransplant, da strenge Kriterien eingehalten und dokumentiert werden müssen. In vielen Ländern Europas gilt die Regel, dass Menschen einer Organentnahme nach ihrem Tod ausdrücklich widersprechen müssen. Sie wird nun auch in Deutschland diskutiert. Auf diese Diskussion verzichtet die Reportage. Trotzdem bezieht sie Position. Denn sie zeigt, welche Belastungen und Einschränkungen Leo Veenendaal und Meggie Wolfsheld durch ihre Erkrankung hatten. Und dass sie das Leben nach der lebensrettenden OP wieder in vollen Zügen genießen können. (K. Dockhorn, kna)

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