Geistliches Leben

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Glaube macht sehend

Wie Jesus den blinden Bartimäus heilt – Gedanken zum Markus-Evangelium 10, 46–52 von Pfarrer i.R. Bernhard Linvers

Was tut ein Mensch, der sich völlig am Ende fühlt? Der hilflos ist, der keine Perspektiven mehr hat, der sich nicht mehr zu helfen weiß? Er schluckt es und frisst alles in sich hinein. Oder er findet sich nicht damit ab, er schreit es heraus – nicht in wohlgesetzten Worten, sondern in Wut und Zorn und voller Verzweiflung. Vielleicht kann er noch nicht einmal um Hilfe rufen.


Ein solcher Mensch ist Bar-Timäus, der Sohn des Timäus. Er ist blind, d.h. ausgestoßen aus der Familie und Gesellschaft, angewiesen auf Betteln, um etwas zu essen zu haben. Bar-Timäus hat keinen Rechtsanspruch auf eine finanzielle Unterstützung und schon gar nicht auf menschliche Zuwendung. Der Evangelist stellt ihn mit Namen vor, im Gegensatz zu vielen anderen Geheilten, doch nicht als eigenständige Person, sondern als den „Sohn“ des Timäus. Ein Kind wächst heran als der Sohn eines Vaters, als sein Abbild, als sein Stolz. Aber dann wird er eine selbstständige Persönlichkeit mit eigenem Namen und Profil. Der Blinde bleibt immer noch der „Sohn des Vaters“. Bartimäus hatte sich wohl mit seiner Situation abgefunden; allzu sehr sich dagegen zu wehren, hätte ihm nur größere Schwierigkeiten gebracht. Er konnte sich nicht als vollwertiger Mensch in der Gesellschaft fühlen. Jeder Protest dagegen wäre sinnlos gewesen.


Ein Mensch, der sich selbst nicht mehr helfen kann, fühlt sich gedemütigt. Er ist abhängig von anderen, die mit ihm machen können, was sie wollen. Deshalb traut er sich gar nicht zu, seine Not öffentlich zu machen. Man muss sich mit seiner Situation abfinden – das war wohl über Jahre hin seine Erfahrung. Das änderte sich, als er von Jesus und seinen Worten und seinem Wirken hörte. Wie er nun hört, dass dieser Jesus vorbeikommt, beginnt das Wunder: Der Bettler fängt an zu schreien, und sogleich regt sich der Widerstand, und die umstehenden Leute befehlen ihm zu schweigen. Es muss doch alles seine Ordnung haben. Wer sich nicht an die Ordnung hält, wird diszipliniert. Aber Bartimäus schreit noch lauter. Er rief: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“. Das ist nicht nur der Ruf eines Hilfesuchenden, sondern Bartimäus wird zugleich Zeuge und Verkünder des Glaubens, dass dieser Jesus von Nazaret tatsächlich der verheißene Messias ist. „Sohn Davids“ ist nämlich eine jüdische Bezeichnung für den verheißenen Messias.
Jesus öffnet ihm die Augen, und Bartimäus sieht wieder anders und anderes, als er erwarten konnte. Das zeigt sich schon daran, dass er die Aufforderung Jesu überhört und nicht in die Stadt zurück geht, sondern Jesus nachfolgt. Bartimäus hatte wohl nur gehofft, dass Jesus ihn von seinem Gebrechen heilen würde. Jesus sagte zu ihm: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Der Evangelist kommentiert: „Er folgte Jesus auf seinem Weg.“ Markus hat sein Evangelium so konzipiert, dass diese Heilung auf dem Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem geschieht. Dabei geht es um die Kreuzesnachfolge.


Was kann uns dieser Text für unser Leben heute sagen? Vor vielen Jahren fand ich beim Durchblättern einer „Kinderbibel“ auch die Geschichte: „Jesus heilt den blinden Bartimäus“, einen kurzen Text und ein passendes Bild dazu: Bartimäus kniet am Boden, Jesus steht hinter ihm, Bartimäus hat eine Binde um die Augen, die hinten am Kopf zusammengeknotet ist. Jesus löst diesen Knoten auf und nimmt die Binde ab. Das Bild hat mir die Augen geöffnet.


„Körperliche“ Blindheit ist schlimm, aber ist „seelische“ Blindheit nicht schlimmer? Blindsein für die Realität meines Lebens? Blindsein für die Nöte, aber auch Fähigkeiten der Menschen, die mit mir leben? Die Formen seelischer Erblindung bestimmen, wie wir unser ganzes Selbst erleben. Wie oft sehen Menschen ihren Alltag, ihr ganzes Leben nur unter einem einzigen Aspekt, und wie arm und beschränkt sind sie dann.


Oftmals ist es in unserem Leben schwerer, sich helfen zu lassen, als selbst zu helfen. Der Mensch Bartimäus war gedemütigt, als er aber von Jesus hörte, erwachte Hoffnung in ihm. Ist Jesus für mich jemand, der mir in schwierigster Lage Hilfe geben kann? Dann sagt Jesus zu Bartimäus: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Das sagt Jesus auch uns: „Dein Glaube kann dich sehend machen; dein Glaube hilft dir wieder sehen; dein Glauben kann dir die Augen öffnen.“    


So mögen wir erkennen, dass wir in unserer Welt nicht alles „machen“ können. Erfassen mögen wir, dass wir unser Leben nicht uns selbst verdanken, und vielleicht können wir dann ahnen, dass es ein Geheimnis in unserem Leben gibt, das uns trägt und uns immer wieder Hoffnung und Kraft gibt, ja, dass wir etwas von Gott erahnen können. Unser Glaube kann uns wieder sehen lehren, dass wir ein einzigartiger und wertvoller Mensch sind, dass wir von Gott geliebt sind, egal wieviel Scheitern wir erleben mussten. Biblische Wundergeschichten können auch für uns heute Zeichen von Hoffnung und Glauben sein.

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