Kultur

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Glücksbringer auf zwei Beinen

Tradition und Geschichte gehören zum Handwerk des Schornsteinfegers dazu

Ganz in Schwarz mit dem Zylinder – Schornsteinfeger sind gern gesehen, sie gelten als Glücksbringer. Foto: Pixabay

Schornsteingfeger sind personifizierte Glückssymbole. Sie steigen ihren Kunden aufs Dach, haben Zugang zu jedem Haus und überbringen auch mal teure Nachrichten. Trotzdem weckt ihr Anblick bei vielen Menschen das Bedürfnis ein, an den goldenen Knöpfen ihrer Jacken zu drehen oder ihnen die Hand zu schütteln. Das soll schließlich Glück bringen!

„Warum das so ist, wissen nur wenige“, erzählt Alexis Gula, Schornsteinfegermeister aus Baden-Württemberg in siebter Generation. Sobald die Menschen ihre Feuerstellen in die Häuser verlegten und Schornsteine für den Rauchabzug bauten, stieg auch die Feuergefahr.  Durch schlechte Verbrennung bildete sich sogenannter Glanzruß in den Kaminen, der zu einem Brand und im schlimmsten Fall zur Vernichtung ganzer Straßenzüge führen konnte. Trat ein Schornsteinfeger jedoch über die Schwelle eines Hauses, wussten die Bewohner, dass er den gefährlichen Ruß entfernen und ihr Heim dadurch nicht den Flammen zum Opfer fallen würde. Sie hatten Glück.

Namentlich genannt wurde der Beruf des Schornsteinfegers erstmals im 13. Jahrhundert. Zwar handelt es sich heute nicht mehr um einen mobilen Beruf: Schornsteinfeger ziehen nicht mehr von Stadt zu Stadt, aber die Reinigung von Schornsteinen und Kehrarbeiten gehören immer noch zu ihren Kernkompetenzen. Inzwischen fallen aber auch Emissionsmessungen, vorbeugender Brandschutz, Energieberatung, Feuerstättenschauen und die Überprüfung von Heizungsanlagen in ihren Tätigkeitsbereich.

„Das Besondere an unserem Beruf ist auch das traditionelle Bild, das wir in der Öffentlichkeit abgeben“, weiß David Villmann, Vorstandsmitglied beim Zentralverband Deutscher Schornsteinfeger. Die schwarze Kleidung mit den goldenen Knöpfen – und bei Meistern des Fachs auch der Zylinder auf dem Kopf – sind untrennbar mit dem Berufsstand verknüpft.  Warum ein Zylinder zur traditionsreichen Uniform eines Schornsteinfegermeisters gehört, ist jedoch nicht zweifelsfrei überliefert. Eine These lautet, dass die Kopfbedeckung aufgrund ihrer Form den Träger vor Stößen schützen soll. Villmann erzählt jedoch lieber eine andere Geschichte: „Es heißt, dass ein Schornsteinfeger einst einen englischen Adligen aus seinem brennenden Haus rettete. Als Dank verlieh ihm der Mann das Recht, einen Zylinder zu tragen, was sonst nur Edelmännern erlaubt war.“

Für Alexis Gula, unter anderem auch Pressesprecher für den Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks, spielt das Vertrauen, das die Kunden ihm und seinen Kollegen entgegenbringen, eine große Rolle. „Wir sehen sehr viele Dinge, wir erleben Schicksale und begegnen auch einsamen Menschen während unserer Arbeit. Man muss sich dann auch mal Zeit zum Kaffeetrinken nehmen und sich die Geschichten der Leute anhören. Die Menschlichkeit ist wichtig in diesem Beruf.“  

In besonderem Maße engagiert sich der Berufsstand für Kinder. Das liegt auch daran, dass im 18. und 19. Jahrhundert Kinder gezwungen wurden, in die engen Schornsteine zu klettern und sie zu säubern. Es handelte sich dabei meist um Waisen oder um Kinder, die ihren Familien abgekauft wurden.  

Um Wiedergutmachung zu leisten und der Kinder zu gedenken, die aufgrund ihrer unfreiwilligen Arbeit starben, treffen sich Schornsteinfeger aus aller Welt jährlich im italienischen Ort Santa Maria Maggiore. Dem Motto des Schornsteinfegerhandwerks entsprechend – „Einer für alle, alle für einen“ – legt manch ein Schornsteinfeger seit 2006 einmal im Jahr seine schwarze Uniform ab und schlüpft stattdessen in ein Radtrikot, um auf der bundesweiten „Glückstour“ für kranke Kinder in die Pedale zu treten. (red)

 

 

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