Geistliches Leben

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Gott ist Einer und der Einzige

Daran hängt alles: Freiheit, Liebe, Glaube – Gedanken zum Markus-Evangelium 12, 28b–34 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

„Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“ Dieser Satz der heutigen ersten Lesung ist die Mitte des jüdischen täglichen Gebetes bis heute. Dieser Satz steht im Zusammenhang mit der Verkündigung der zehn Gebote an Mose und durch Mose an das Volk. Weshalb geht es Gott darum, dass kein anderer neben ihm verehrt wird? Vor dem ersten Gebot steht: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt hat.“ Die Gebote Gottes sind Wege aus der Sklaverei in die Freiheit, Wege in ein verheißenes Land, Wege zum Leben.

Wo Gott nicht mehr der einzige Herr ist, da melden sich schnell „andere Herren“ an. Wenn die Macht oder das Geld „zum Gott“ werden, dem dann alles untergeordnet wird, dann wird auch der Mensch schnell „geopfert“. Schauen wir in unsere Welt hinein! Aber auch die „kleinen Götter“, die unser privates „Alltagsleben“ beherrschen: das können Sachen sein, wie Internet, „life-Chat“ usw., aber auch einzelne Personen in Familie und Freundeskreis. Es geht nicht bloß um die „anderen“, sondern auch um mich selbst. Wo bin ich in der Gefahr, mich als „kleiner Herrgott“ aufzuspielen? In der Familie…Ich habe immer recht…Nur ich habe die Erfahrung…

Dieses Gottesverständnis Israels greift Jesus im Evangelium auf, und er warnt die Menschen vor falschen Göttern – egal woher sie kommen. Es ist nicht eine abstrakte Aussage, sondern es geht um die Erfahrung Israels: Es gibt nur einen Gott, der in die Freiheit führt, der in das Leben führt. Der Glaube an diesen Gott hat eine kritische Funktion allem gegenüber, das sich als „Gott“ oder „Herr“ über die Menschen aufspielen will. Die Zwänge sind von Menschen gemacht – auch wenn sie religiös begründet werden.

Die kritische Funktion des Glaubens an den einen Gott, der in Freiheit und Leben führt, müssen wir heute zur Sprache bringen. Dies gilt für die Weltwirtschaftsordnung genauso wie für die Gentechnik, aber auch für unser persönliches, alltägliches Zusammenleben. Wie steht es um die Würde des Menschen? Schauen wir kritisch hin, wo und wie Menschen versuchen, über andere Menschen Macht zu gewinnen?

Die Freiheit, die Gott uns schenkt, wenn wir ihn als den einzigen Herrn anerkennen, ist keine Freiheit auf Kosten anderer, sondern eine Freiheit „für andere Menschen“. Das ist ein anderes Wort für Liebe, wie es im Evangelium genannt wird. Dieser Gott macht uns frei zur und für die Liebe. Gottes Liebe ist uns frei geschenkt, aber auch unsere antwortende Liebe geschieht in Freiheit. Liebe und Zwang sind Gegensätze und schließen sich aus. Deshalb gehören Freiheit, Glaube und Liebe eng zusammen.  

Wenn es uns ernst ist mit dem Glauben, dass Gott der einzige Herr ist, dann stehen alle Menschen vor ihm auf der gleichen Stufe. Erst dann werden wir alle frei zur Liebe untereinander. So ist es jüdisch-christliche Überlieferung in unseren heiligen Schriften, denn das Bekenntnis zu dem einen Gott ist verbunden mit der Einladung zur Liebe. Dieses Bekenntnis zum einen und einzigen Gott macht frei zur Liebe, die ihm antwortet, und zur Liebe der Menschen untereinander.  

Die Nächstenliebe ist gekoppelt mit der Selbstliebe. Das ist oftmals für Christen ein Problem. Selbstliebe ist nicht Egoismus; der Egoist macht sich selbst zum „Herrgott“ und setzt sich in den Mittelpunkt. Selbstliebe heißt zunächst: mich anzunehmen, wie ich bin – mit meinen Fähigkeiten und mit meinen Defiziten. Dann kann ich auch die anderen Fähigkeiten und die anderen Defizite meiner Mitmenschen akzeptieren. Dann bin ich nicht neidisch auf deren Fähigkeiten und erhebe mich nicht über deren Defizite.

Dazu gehört auch, dass wir lernen, uns selbst zu vergeben. Wie gehen wir mit unseren Schwächen und Fehlern um? Verneinen wir sie oder setzen wir uns mit ihnen auseinander und bemühen uns immer wieder um einen Neubeginn, denn das schließt Vergebung ein. Wenn wir das mit uns einüben, kann es auch eine Grundlage unseres Lebens miteinander  werden.

Wo im Namen Gottes Kriege geführt wurden und werden und  mörderische Gewalt ausgeübt wird, da handelt es sich um einen anderen Gott. Wo wir uns auf seine Wege begeben, wird die Welt nicht zum Paradies oder zum Reich Gottes in seiner Vollendung, aber etwas davon wird schon erfahrbar.

„Du bist nicht weit vom Reich Gottes“, sagt Jesus nach dem Gespräch zu dem Schriftgelehrten, Es lohnt sich, davon und dafür zu leben.

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