Geistliches Leben

Mittwoch, 30. August 2017

Gott zeigt, was er will

Was wir uns von Gott vorstellen, ist immer ungenügend – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 16, 21–27 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Das Eisbergmodell von Sigmund Freud will bildhaft veranschaulichen, warum wir Menschen so sind wie wir sind. Freud übertrug das Bild eines Eisbergs, der nur etwa zehn Prozent seiner Masse im sichtbaren Bereich hat, also über der Wasseroberfläche, auf die Psyche des Menschen. Er wollte damit deutlich machen, dass der sichtbare bzw. bewusste Teil eines Menschen, der Daten, Fakten, Wünsche und Gefühle beinhaltet, einem weitaus größeren unsichtbaren bzw. unbewussten Teil gegenübersteht, der Ängste, verdrängte Konflikte, traumatische Erlebnisse und mehr beherbergt. Sich selbst völlig zu kennen, vor sich selbst alles offen legen zu können und um alle verdrängten und unbewussten Anteile zu wissen, ist dementsprechend ein Ding der Unmöglichkeit und wäre wahrscheinlich auch nicht für jeden wünschenswert.

Wenn es darum geht, Aussagen und Einschätzungen über andere abzugeben, dann ist ebenfalls Vorsicht geboten. Die Frage lautet immer: Was weiß ich wirklich über jemanden, und was habe ich mit ihm erlebt? Klar ist, dass enge Angehörige und Freunde viel mehr wissen, als andere, dennoch wird es immer einen großen Anteil geben, der im Verborgenen bleibt. Leider laufen wir immer wieder jedoch Gefahr, anderen vorschreiben zu wollen, was gut oder schlecht für sie ist. Bebenbei bemerkt: Mit unseren Ratschlägen sind wir oft besser, als selbst etwas einzusehen, oder zu ändern.

Petrus ist im heutigen Evangelium auch so einer, der scheinbar weiß, was für einen anderen,hier: Jesus, am besten ist. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe. Er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jetzt könnte man schlichtweg sagen, dass es Petrus nur gut gemeint hat, er wollte „Schlimmeres“ verhindern. Aber wie im „richtigen Leben“ ist auch hier „gut gemeint“ nicht immer gut, sondern manchmal das Gegenteil.

Jesus entgegnet ihm dementsprechend mit ungewöhnlich scharfen Worten: „Weg mit dir, Satan“ (…). „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Damit wären wir bei einer der umstrittensten Fragen der Religionsgeschichte, nämlich: „Wer weiß, was Gott wirklich will?“ Um die Deutungshoheit dem Willen Gottes gegenüber, haben erbitterte Kriege getobt. Ausgrenzungen, Abkapslungen und Spaltungen kennzeichnen diese traurigen Kapitel der Menschheitsgeschichte. Wer kann sagen, was Gott wirklich will? Letztlich nur er.

Und dies tut Jesus im heutigen Matthäus-Evangelium, indem er seine Jünger auffordert, es ihm gleich zu tun und im Vertrauen auf Gott, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen. Jesus fordert seine Jünger und damit auch uns auf, mit allem ihm nachzufolgen, auch mit den unbewussten, dunklen und schmerzlichen Anteilen. Fakt ist, dass jeder (ohne Ausnahme) sein eigenes Kreuz zu tragen hat. Eindringlich habe ich diese Erkenntnis von einer lieben älteren Nachbarin nach dem Tod ihres Mannes vor einigen Monaten geschildert bekommen, indem sie sagte: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen, nur die Verpackung ist anders.“

Einen Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen, ist schon ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sieht es erst Gott gegenüber aus? Leider beurteilen wir allzu oft alles und jeden nur auf der Grundlage dessen, was wir von ihm zu wissen glauben oder meinen zu sehen und zu verstehen. Beispielsweise geht es im schulischen Kontext darum, sich zu Beginn eines Schuljahres ein Bild von den Schülerinnen und Schüler zu machen. Wie gibt sich wer? Wer tritt wo in welcher Weise in Erscheinung? Klar ist, dass man als Lehrer nur bruchstückhaft und oberflächlich die meisten Schüler kennt. Was jemand von sich in der Schule zeigt bzw. zeigen will, wird immer nur ein verschwindend geringer Teil von dem sein, was ihn/sie ausmacht. Dennoch werden die Kinder und Jugendlichen anhand dessen, was sichtbar und messbar ist, beurteilt. Umso wichtiger ist es daher für Lehrer und Eltern, dass die Kinder und Jugendlichen mehr sind, als nur ihre Noten, die sie in diesem Schuljahr (wieder) nach Hause bringen. Den ganzen Menschen gilt es in den Blick zu nehmen, soweit dies möglich ist.

Vorsicht also vor allzu schnellen Urteilen und Einschätzungen. Sich Zeit lassen, abwarten können und einander wirklich kennen lernen wollen. Das gilt für alle Lebens- und Glaubensbereiche. Auch Gott gegenüber kommt es darauf an, ihn nicht zu sehr nach „unserem Bilde“ formen und einengen zu wollen. Viel wichtiger wäre vertrauensvoll zu fragen: Wer bist du für mich? Wer willst du für mich sein? Was willst du mir für mein Leben sagen?

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