Geistliches Leben

Donnerstag, 23. Februar 2017

Gott zuerst

Ängstliche Sorgen lassen Gottes Liebe außer Acht – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 6, 24–34 von Pfarrer i.R. Monsignore Ernst Roth

Das Evangelium heute, ein Stück aus der Bergpredigt. Diese Verse bereiteten den Auslegern zu allen Zeiten, angefangen von den Kirchenvätern bis heute, große Schwierigkeiten. Ja, mehr noch: Es gibt wenige Texte im Neuen Testament, die eine so schroffe Kritik hervorgerufen haben. „Jeder verhungerte Sperrling widerlegt Jesus, umso mehr jedes verhungerte Kind, jede Hungersnot und jeder Krieg“, so einer der Bibel-Gelehrten.

Versuch einer Klärung: Bei unserer Sorge um den Lebensunterhalt – Nahrung und Kleidung – werden wir auf die Vögel des Himmels und die Blumen des Feldes verwiesen, die nicht arbeiten, nicht sammeln, nicht ernten. Übersehen wir einmal, dass das in der Natur nicht ganz zutrifft: Vögel sammeln und ernten auch. „Euer himmlischer Vater ernährt sie“, sagt Jesus und verweist damit auf die Schöpfung: Das ist die Schöpfung; sie sorgt sich nicht und ist doch versorgt; Gott ist für sie da! – Wenn sich Gott um die Spatzen und Lilien kümmert, dann doch erst recht um die Menschen! „Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“, fragt Jesus uns.  Gott trägt die Schöpfung, Gott trägt auch uns.

Keinesfalls darf man aus diesen Versen herauslesen, Jesus wolle uns zu Untätigkeit, zu Faulheit, zum In-den-Tag-hinein-leben aufrufen. Siehe auch  „Gleichnis von den Talenten“ (Matthäus-Evangelium 25,14–30). Jesus will sagen: Wenn der Schöpfergott schon die nicht arbeitenden Vögel am Leben erhält und die Blumen blühen lässt, wie vielmehr euch, die ihr durch eurer Hände Arbeit mitsorgt für euren Lebensunterhalt, wie vielmehr euch, die ihr nicht nur Geschöpfe, sondern Kinder des himmlischen Vaters seid! Die nicht tätigen Vögel sind nicht Vorbild für’s Nichtstun, sondern Zeugen von Gottes Fürsorge. Seid ihr „Kleingläubige“, habt ihr so wenig Vertrauen in Gottes Liebe und Fürsorge? Bist du ein Jünger Jesu, dessen Glaube sein Dasein nicht trägt?

„Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen, trinken, anziehen? Denn um all das geht es den Heiden.“ Auch dieser Vers spricht nicht gegen arbeiten, planen, sorgen. Er spricht gegen das übertriebene, ängstliche Sorgen, das die Vaterliebe Gottes außer Acht lässt. Wer sein Leben in die eigene Hand nehmen will, der muss es dann auch selber tragen. Wer sein Leben und Wohlergehen allein auf die eigene Leistung gründet, wird unweigerlich an Grenzen stoßen, und wird hilflos dastehen bei Misserfolg, Krankheit und Alter. In diesem Lebensstil jagt eine Sorge die andere; der so lebt, wird getrieben von Angst zu Angst, weil er die Ungesichertheit des Lebens spürt, gegen die er letztlich machtlos ist. Das ist – sagt Jesus – das Leben eines Heiden.

Wie anders der Mensch, der bei aller eigener Anstrengung und Vorsorge weiß, dass über ihm Gott ist, der Geber und Erhalter des Lebens; der Mensch, der das Vertrauen hat, dass Gottes Vaterliebe für ihn sorgt, und seinem Leben – wie immer es auch verlaufen mag – einen Sinn und ein Ziel gibt. Das gibt ihm eine tiefe Geborgenheit im ungesicherten Dasein, das gibt ihm Mut zum Leben und die Kraft, auch schwierige Phasen zu durchstehen. „Euer himmlischer Vater weiß ja, was ihr braucht!“

„Sucht aber zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit!“ Damit stellt Jesus eine neue Werteordnung auf: Zuerst muss es dem Jünger um das Reich Gottes, um die kommende Gottesherrschaft gehen, um einen Platz beim verheißenen Hochzeitsmahl des Himmels, und nicht zuerst in all seinem Denken und Sorgen um den Erhalt und die Bereicherung des irdischen Lebens.

„Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen“ heißt aber nicht nur passiv warten und Ausschau halten auf unser Lebensziel, ist nicht nur innere religiöse Haltung, sondern konkrete Praxis der Gerechtigkeit Gottes, d. h. unser ganzes Leben Tag für Tag unter den Willen Gottes zu stellen, wie Jesus in der Bergpredigt entfaltet: „Unser Vater, ... dein Wille geschehe!“

Wer so lebt, darf darauf vertrauen, dass Gott ihm „alles andere“, das Irdisch-Notwendige, dazugibt.

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