Geistliches Leben

Mittwoch, 20. September 2017

Gottes Barmherzigkeit ist größer

Die Gabe der Liebe fordert aber auch zwingend unser Tun - Gedanken zum Matthäus-Evangelium 20, 1–16a von Studiendirektor i.R. Dr. Helmut Husenbeth

Wie man es auch sieht: Die Geschich-te von den Arbeitern im Weinberg als Gleichnis für das Himmelreich provoziert. Und sie soll es wohl auch. Hörer und Leser dieses Gleichnisses können zunächst durchaus unterschiedliche Standpunkte einnehmen. Wer für den „gerechten“, also den an die Arbeits-Situation angepassten Lohn plädiert, mag es als ungerecht empfinden, dass die, die „in der Hitze des Tages“ gearbeitet haben, genau so entlohnt werden wie die, die gegen Abend nur eine Stunde lang gearbeitet haben. Wer aber die Situation der erst später Gerufenen sieht, darf sich mit ihnen freuen, dass sie so großzügig entlohnt, ja geradezu beschenkt werden. Diese „Letzten“ erhalten ja nicht nur, „was recht ist“, sondern erfahren die Großzügigkeit und Güte des  Gutsbesitzers – völlig unerwartet.

Es wird klar: „Mit dem Himmelreich“ ist’s nicht wie mit einem Tarifvertrag. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Barmherzigkeit Gottes. Sie ist keine Vertrags- oder Verhandlungsmasse. Sie übersteigt unsere Vorstellung. Deshalb kann sie sich, wie in diesem Gleichnis, mit unserem menschlichen Wunsch nach Gerechtigkeit stoßen. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern es gibt eine klare Wertsetzung. Die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes ist zentral und beherrschend, nicht nur in diesem Gleichnis, sondern im gesamten Evangelium. Sie steht als frohe Botschaft im Zentrum der biblischen Heilsgeschichte. Es geht nicht einfach um menschliches Mitleid, sondern um das Herz Gottes. Gott hat, so schon im Buch Hosea 11,8, eine leidenschaftliche  Liebe zu den Menschen. Sie zeigt sich in der für den Menschen unverdienten Gunst, die hier beispielhaft die zuletzt Gerufenen erfahren. Aber nicht nur sie, sondern alle, die sich von Gott rufen lassen. Es geht in unserem Gleichnis nicht nur um diese einzelne Handlung der großzügigen Lohnauszahlung, sondern um die Beziehung Gottes zum Menschen.

Gott sieht die Not des Menschen – und er wendet sich ihm zu.Vor Gott zählt nicht – so sagt es unser Gleichnis – die Leistung. Unsere menschlichen Maßstäbe von Gerechtigkeit gelten nicht. Gottes unerforschliche Barmherzigkeit ist größer. Auch der Schwächere und Spätere wird liebend angenommen.

So spielt es keine Rolle, dass nur die „Ersten“ einen Vertrag hatten; auch nicht, dass die „Letzten“ zunächst wohl einfach nur froh waren, überhaupt etwas zu bekommen. Wir dürfen  aus diesem Gleichnis getrost folgern: Das Himmelreich steht jedem jederzeit offen, auch jedem von uns. Ein biblischer Beleg dafür ist das Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lukas-Evangelium 15, 11–32).

Freilich dürfen wir im Blick auf Gottes große Barmherzigkeit die Notwendigkeit zur Gerechtigkeit unter uns Menschen nicht vergessen.  Gegen schreiende Ungerechtigkeiten hat die Kirche völlig zu Recht ihre Soziallehre entwickelt. Heute kommen z.T. mit beklemmender Wucht die berechtigten Forderungen nach Umweltgerechtigkeit und nach Generationengerechtigkeit hinzu. Wir dürfen nicht als die „Ersten“ auftreten, die den Nachkommenden Schulden aufbürden und deren Lebensgrundlagen auf’s Spiel setzen.

Die uns im Evangelium vor Augen geführte Barmherzigkeit Gottes hat auch eine politisch-soziale Dimension. Die Forderung nach Gerechtigkeit und das Prinzip der Nächstenliebe – sie müssen nach unseren Kräften und Möglichkeiten  von uns mit Herz und Verstand gelebt und verwirklicht werden. Gottes Barmherzigkeit dürfen wir dankbar annehmen, aber sie ist auch Auftrag und Herausforderung an uns. Unser konkreter Einsatz für Gerechtigkeit und die Werke der Nächstenliebe müssen die göttliche Barmherzigkeit in unserem Leben spiegeln. Die „Letzten“, die „Geringsten“, die Notleidenden sind Herausforderung und Auftrag für uns – für jeden einzelnen wie auch für die Kirche.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Studiendirektor i.R. Dr. Helmut Husenbeth
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