Geistliches Leben

Donnerstag, 24. September 2015

Gottes Ordnung schafft Leben

Das gottgewollte Verhältnis von Mann und Frau verwirklichen – Gedanken zum Markus-Evangelium 10, 2–12 von Gemeindereferentin Barbara Sedlmeier

Ich bin fasziniert von Fernsehsendungen über die Entwicklung unserer Menschheitsgeschichte. Die Forschungsergebnisse bringen mich immer wieder zum Staunen. Da stellt sich mir schon die Frage: Locken wir mit den biblischen Erzählungen des Buches Genesis die modernen Menschen des 21. Jahrhunderts noch „hinter dem Ofen hervor“ beziehungsweise weg von dem Blick auf das Smartphone? Durch eine Umfrage würde sich wahrscheinlich herauskristallisieren, dass im ersten Buch der Bibel etwas geschrieben wurde über die Erschaffung der Welt. Man erinnert sich an Adam und Eva, an das Essen der verbotenen Frucht und die Vertreibung aus dem Paradies. Aber hat das noch etwas mit unserem Alltag zu tun?

Um die Schöpfungserzählungen besser zu verstehen, ist es hilfreich für mich,  das mythische Denken in den Blick zu nehmen. Die biblischen Autoren setzen sich mit älteren altorientalischen Schöpfungsmythen auseinander, um ihre eigene Sichtweise des Lebens im Glauben an den einen Gott zu entfalten. Dabei geht es um existentielle Aspekte des Lebens, um die Fragen nach Einsamkeit,  Sterblichkeit und dem Sinn des Lebens: Fragen, die den Menschen durch alle Zeiten begleiten werden.

Viele Frauen und Männer kennen das Gefühl, einsam zu sein. Sie sehnen sich nach einem Partner, einer Partnerin auf Augenhöhe. Nur mit ihm oder ihr erleben sie die „Welt“ als gelungen. Davon erzählen die Verse 2,4b – 3,24 im Buch Genesis. Im Unterschied zu den altorientalischen Mythen wird im Buch Genesis erstmals beschrieben, dass Menschen nicht einfach Menschen sind, sondern männlich und weiblich. Es wird erzählt von der gegenseitigen  Anziehungskraft und der Freude darüber, dass die Einsamkeit überwunden werden kann.

„Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ Der Begriff „Hilfe“ meint ein besonders qualifiziertes Gegenüber. Und diese Aussage gilt für beide – Mann und Frau. Bei der Erschaffung der Frau entsteht nicht einfach ein weiteres Geschöpf, sondern Gott baut aus der Rippe des Menschen eine Frau und führt sie dem Menschen zu. Die bilderreiche Erzählung von der Erschaffung der Frau aus der Rippe betont die enge Verbundenheit der Geschlechter. Sie sind aus dem „gleichen Stoff“ und fühlen sich immer wieder zueinander hingezogen. Das gottgewollte Verhältnis von Mann und Frau soll eine Beziehung sein, die von Freude und Vertrauen bestimmt ist, von Gleichheit und von Ebenbürtigkeit.

Die Schmetterlinge des ersten Verliebtseins im Bauch kommen zur Ruhe und der Alltag beginnt. Vielleicht spüren Frauen und Männer in dieser Phase die unstillbare Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, die auch ein geliebter Mensch nie ganz stillen kann. Genau hier kommt auch das Wissen um die Sterblichkeit ins Spiel. Und mit diesem Wissen, das den Menschen von allen Tieren unterscheidet, muss er sein Leben gestalten. Die Erzählung von dem Baum der Erkenntnis (Gen 2,16ff) und dem Baum des Lebens (Gen 3,22) entfaltet diese Spannung im Leben.

Der Alltag des Menschen ist geprägt durch die Arbeit. Mann und Frau „bebauen und hüten“ (Gen 2,15) unsere Welt – oftmals mit Freude und Kreativität. Aber sie kennen auch die Last der Arbeit, die niemals aufhört; zumindest wissen sie darum. Die mesopotamischen Mythen sagen, dass die Götter den Menschen nur dazu erschaffen haben, dass er die Drecksarbeit der Welt trage. Die erste Schöpfungserzählung (Gen 1 – Gen 2,4a) greift das Problem auf. Acht Schöpfungswerke werden in sechs Tagen vollendet, und am siebten Tag ruht Gott aus. Der Mensch ist eingeladen, sich auf den Rhythmus Gottes einzulassen und am siebten Tag die Ruhe zu genießen.

Der Verfasser der Lesung dieses Sonntags erfährt in seiner Lebenszeit, dass das Verhältnis von Mann und Frau durch Über- und Unterordnung gekennzeichnet ist und dass die ursprüngliche Zusammengehörigkeit zerbrechen kann. Damit trifft er auch unsere Alltagserfahrungen. Aber der Autor weiß: Dieser Zustand kann nicht gottgewollt sein.

Für mich ist und bleibt diese Schöpfungserzählung hochaktuell – gerade auch im 21. Jahrhundert mit seinen grandiosen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, denn in die Sterblichkeit des Menschen spricht Gott sein Ja durch seinen Lebensatem. Dieses Ja Gottes gipfelt in der Auferstehung Jesu Christi, an der wir Menschen teilhaben dürfen. Gott eröffnet dem Menschen die Möglichkeit an seiner Schöpfung mitzuarbeiten. Keine Arbeit sollte die Würde des Menschen beschneiden. Es ist und bleibt eine Herausforderung, das gottgewollte Verhältnis von Mann und Frau zu verwirklichen.

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