Geistliches Leben

Donnerstag, 14. Juli 2016

Gute Werke tun oder beten?

Vom richtigen Handeln zur richtigen Zeit – Gedanken zum Lukas-Evangelium 10, 38–42 von Studiendirektor i.R. Dr. Helmut Husenbeth

Hier erzählt Lukas vom Besuch Jesu und seiner Jünger bei den beiden Schwestern des Lazarus, bei Maria und Marta. Es ist Marta, die die Wandernden einlädt und bewirtet. Da gibt es viel zu tun. Die Gruppe ist ja nicht gerade klein. Deshalb beginnt Marta auch sofort mit der Arbeit. Ihre Schwester Maria dagegen setzt sich nach der Ankunft Jesu „dem Herrn zu Füßen“ und hört seiner Rede zu. Auch das zeigt freilich die herausragende Stellung des Gastes.

Nein, es verwundert nicht, dass hier ein Konflikt aufbricht. Marta, die perfekte Gastgeberin, die die Bewirtung organisiert, die kocht und vorbereitet und die Gäste bedient, fühlt sich von ihrer Schwester Maria alleingelassen. Von Maria, die als Hörende, wie es in der damaligen Zeit und Kultur doch nur den Männern vorbehalten war, eine völlig andere Rolle wahrnimmt. Insofern wird hier die Rolle der Frau ganz anders gezeichnet, als üblich. Die Situation ist provozierend. Maria überlässt Marta allein die Bewältigung dieser herausfordernden Aufgabe und die Rolle als Gastgeberin. Marta beklagt sich deshalb bei Jesus, dass ihre Schwester sie mit der Arbeit allein lässt und ihr nicht hilft.

Im unterschiedlichen Verhalten von Maria und Marta haben wir zwei verschiedene Modelle des Umgangs mit Jesus, mit seinem Wort, seinem Auftrag und seiner Botschaft. Marta dient und bedient Jesus, sie ehrt ihn als perfekte, sorgende Gastgeberin. Maria dagegen ehrt Jesus durch ihr konzentriertes Zuhören. Ihr ist es wichtig, Jesus als religiösen und spirituellen Lehrer, als „Rabbi“ wahrzunehmen.
Es ist gewiss kein Zufall, dass der Evangelist Lukas die Geschichte von Maria und Marta an dieser Stelle in sein Evangelium einbaut. Voraus geht das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Da wird die Frage nach der Nächstenliebe ganz konkret beantwortet: Handeln und helfen, wo Not herrscht, sich kümmern um den, der Hilfe braucht – unabhängig von Volkszugehörigkeit und Religion. Das ist „notwendig“ – und es ist eine bleibende Forderung an uns, weil Jesus sagt: „Handle genauso!“ Solches Handeln gehört zum Zentrum des gelebten Glaubens.
Nach der Maria-Marta-Episode folgt bei Lukas das „Vater unser“. Es ist das Gebet der Gebete. Jesus lehrt seine Jünger – und natürlich auch uns – wie wir beten sollen. Immerhin folgt der Abschnitt über das Herren-Gebet auf die Antwort Jesu zu Marta: „Nur eins tut not. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ Ohne eine Grundsatzdiskussion über „Glaube“ und „Werke“, über Meditation und zupackendes Handeln zu führen, muss doch anerkannt werden, dass es nicht einfach heißt: Hier Maria, dort Marta. Es fällt eine Entscheidung. Am Schluss der Geschichte urteilt Jesus, auch wenn es uns vielleicht nicht ganz leicht fällt, dieses Urteil zu akzeptieren. Noch einmal: „Maria hat das Bessere gewählt. Das soll ihr nicht genommen werden.“

Mir jedenfalls tut die fleißige, kreative, liebevoll besorgte Marta fast leid, als Marias Verhalten lobend herausgestellt wird. Aber ich meine, es müssten weitere Gesichtspunkte beachtet werden: Der Blick auf Jesus, der ja der Mittelpunkt dieser Begegnung ist – und der Blick auf die Bedeutung der Situation. „Alles hat seine Zeit“, so heißt es schon im Buch des „Predigers Salomo“ in den Weisheitsbüchern des „Alten Testamentes“. Die Fürsorge hat ihre Zeit, das Umsorgen hat seine Zeit. Maria ist erfüllt: Jetzt ist Jesus da. Seine Botschaft ist wichtig. Jetzt höre ich dem religiösen Lehrer zu, denn wir leben von Gottes Wort. Für Maria ist dieser Augenblick, diese Situation kostbar.

Christus folgen heißt nicht nur, sich viel zu sorgen und alles zu besorgen, es heißt auch und in besonderer Weise, offen zu sein dafür, dass und wie Christus für uns sorgt. „Wer meine Stimme hört und mir öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“, heißt es im Buch der Offenbarung 3, 20. 

Dies kann ein Schlüssel für das Verständnis des Maria- und Marta-Konfliktes sein. Einerseits geht es nicht ohne Handeln, Sorge und Fürsorge. In keiner Pfarrei würde mehr etwas laufen, wenn nicht die vielen „Martas“ da wären, Helferinnen und Helfer mit ihren Fähigkeiten, ihren Begabungen und ihrer Sorge in Gemeinden, Pfarreien, Vereinen und Gruppen. Das ist notwendig, unverzichtbar und gut. Da ist aber auch noch die andere Seite, eben die der Maria. Unser religiös-kirchliches Tun darf sich nicht in Aktivismus erschöpfen. Der Anteil der „Marta“ in uns muss gastlich die Tür öffnen, wo Hilfe gebraucht wird. Der Anteil der „Maria“ in uns allen muss gastlich die Tür öffnen für die Stimme und die Botschaft Jesu.

Helfen, schaffen, aktiv sein – all das ist wichtig. Aber wir sollten die Mahnung Jesu ernst nehmen, auch der Meditation und der Kontemplation Raum zu geben. Ich denke, das sollte auch für Gottesdienste gelten. Sie sollten nicht aktivistisch überfrachtet werden.  Setzen wir uns doch immer wieder einmal dem Herrn zu Füßen, hören seine Worte, öffnen uns seiner Botschaft, empfangen sein Sakrament.  Das kann und wird auch Kraft geben, die notwendige und ständig anfallende Arbeit zu bewältigen und mit unseren Sorgen und Mühen fertig zu werden.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Dr. Helmut Husenbeth
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