Kirche und Welt

Mittwoch, 26. August 2020

„Habe ein gutes Gewissen“

Die Äbtissin Mechthild Thürmer aus dem fränkischen Kirchschletten steht wegen Kirchenasyls vor Gericht

„Es geht nicht darum, dass mir das Gesetz nicht passt“, sagt Mutter Mechthild Thürmer, Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Maria Frieden. (Foto: kna/Marion Krüger-Hundrup)

Weil sie einer Eritreerin, die von ihrem Mann getrennt und nach Italien abgeschoben werden sollte, Kirchenasyl gewährt hat, wurde die Äbtissin Mechthild Thürmer zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie weigerte sich zu zahlen – jetzt droht ihr Gefängnis. Im Interview erklärt sie, warum sie sich nicht freikaufen will.

Mutter Thürmer, würden Sie jemandem das Kirchenasyl verweigern? Wenn ja: Warum?

Da gab es viele Fälle. Wenn jemand aus einem Land kommt, in welchem kein Krieg herrscht und es auch keine Christenverfolgung gibt, oder dort religiöse Minderheiten verfolgt werden, kann ich die Person nicht aufnehmen. Einmal war eine Frau aus Tansania bei uns. Sie war total verzweifelt und hat bitterlich geweint. Aber es hilft nichts: Ich musste sie wegschicken. Das Kirchenasyl ist etwas für Härtefälle. Anders sieht die Sache aus, wenn jemand aus einem Kriegsland wie Eritrea nach Deutschland geflohen ist, aber wegen des Dublin- Verfahrens nach Italien abgeschoben werden soll, weil er dort zuerst die EU betreten hat. Italien ist total überlagert, geflüchtete junge Frauen haben mir berichtet, dass sie unter Brücken schlafen mussten, wie Freiwild behandelt wurden und keine medizinische Versorgung erhielten, weil sie das Geld dafür nicht hatten.

Weil Sie Kirchenasyl gewährt haben, laufen gegen Sie mehrere Verfahren. Rechtlich gesehen ist es umstritten, ob die Kirchen Geflüchtete auf diese Weise vor einer Abschiebung bewahren dürfen. Wie sehen Sie das?

Das Kirchenasyl ist eine Tradition, die es schon seit der Antike gibt. Es bedeutet erst einmal, dass Menschen, die in einer großen Notlage sind, Schutz finden können. Heute geht es konkret darum, dass Härtefälle noch einmal geprüft werden. Die Menschen bleiben so lange bei uns, bis sie ins nationale Asylverfahren übernommen werden. Dann bekommen sie noch einmal die Chance, ihre Geschichte zu erzählen und ihr Fall wird erneut überprüft. Relativ viele sind beim zweiten Mal anerkannt worden.

Vor Gericht wurden Sie zu einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt. Weil Sie sich weigern, zu zahlen, wurde Ihnen eine Freiheitsstrafe angedroht. Warum bezahlen Sie nicht einfach?

Das würde doch nichts bringen. Ich möchte ja, dass den Menschen geholfen wird. Es muss doch möglich sein, dass man in unserem Staat Menschlichkeit walten lassen darf, ohne Bezahlung, straffrei. Ich will mich nicht freikaufen. Ich hoffe jetzt einfach, dass in der Verhandlung zum Positiven für das Kirchenasyl entschieden wird. Dann könnten sich wieder mehr Menschen daran beteiligen.

Wer Sie angezeigt hat, wissen Sie nicht. Haben Sie denn viele Kritiker?

Im Gegenteil: Ich erfahre gerade viel Solidarität. Viele Leute melden sich bei mir, sogar aus Belgien und Amerika bekomme ich Briefe. Die Menschen erkennen das an, was ich mache, und sind dankbar, dass es so etwas noch gibt: gelebtes Christentum. Das ist ja die Sache: Das wird jahrzehntelang in der Schule unterrichtet – und was macht man? Hat das noch etwas mit der biblischen Botschaft zu tun? Wir sollten uns mal fragen: Was würde Jesus heute machen? Der würde bestimmt einen Asylanten aufnehmen.

Würde Jesus auch gegen geltendes Recht verstoßen?

Da steht jetzt im Moment nicht das geltende Recht im Vordergrund, sondern die Mitmenschlichkeit. Der Mensch braucht einen Schutz. Es geht mir nicht darum, dass mir das Gesetz nicht passt und ich es nicht einhalten will. Mir geht es darum, dass das mal überdacht wird. Wenn es eine andere Möglichkeit gebe, den Menschen zu helfen, zum Beispiel an einen Politiker zu schreiben, der dann entscheidet, dass derjenige hierbleiben darf, dann würde ich halt das machen.

Wer hierbleiben darf, legen aber nun einmal nicht einzelne Politiker fest, sondern das geltende Asylrecht und Härtefallkommissionen … warum setzen Sie sich darüber hinweg?

Unser Asylrecht finde ich teilweise einfach unmenschlich. Da werden die Leute nachts um drei aus den Betten geholt, um abgeschoben zu werden, das kann ich echt nicht nachvollziehen. Teilweise ohne Rücksicht auf ihre Schicksale. Die Schicksale der Menschen betreffen mich schon sehr – sonst würde ich das alles nicht machen.

Mal angenommen Sie müssten deswegen ins Gefängnis – wären Sie stolz darauf?

Da möchte ich gar nicht dran denken. Ich könnte da nicht stolz drauf sein, sondern ich müsste es dann einfach hinnehmen. Aber ich hätte ein gutes Gewissen, weil ich mich für das, was ich für richtig halte, eingesetzt habe. Eine gewisse Hilflosigkeit würde bleiben. Aber vor Gott habe ich ein gutes Gewissen.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Das Gespräch führte Sandra Röseler.
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