Aus dem Bistum

Dienstag, 26. September 2017

Hängt Naziglocke im Kirchturm?

Wendelinuskapelle Essingen: Glockensachverständige prüft Handlungsoptionen

Die Wendelinuskapelle in Essingen. Träger des Kirchleins sind die katholische und die evangelische Kirchengemeinde. Foto: Iversen

Noch ist unklar, was es mit dem Geläut in der kleinen Wendelinuskapelle in Essingen auf sich hat. Wie „Die Rheinpfalz“ in ihrer Ausgabe vom 30. August berichtete, trägt die Glocke im Turm des kleinen Kirchleins die Aufschrift „Als Adolf Hitler Schwert und Freiheit gab dem Deutschen Land, goss uns der Meister Pfeifer, Kaiserslautern“. Die Zeitung stützt ihre Information auf Aussagen von Wilfried Schweikart, Vorsitzender des Heimatvereins St. Wendelinus, sowie auf ein Werk mit dem Titel „Pfälzisches Glockenbuch“ des Historikers und Theologen Bernhard Bonkhoff.  Er habe herausgefunden, dass eine braune Glocke 1936 im Turm der Wendelinuskapelle aufgehängt wurde.

Träger der Wendelinuskapelle sind die  katholische und die evangelische Kirchengemeinde von Essingen. Sie möchten genauso Licht ins Dunkel bringen und sich Gewissheit verschaffen, was es mit der Glocke, die derzeit im Turm des Gotteshauses hängt, auf sich hat, wie die Ortsgemeinde Essingen und der Heimatverein St. Wendelinus, die das Kirchlein nutzen dürfen und sich für seinen Erhalt einsetzen. Denn ob es sich um die Glocke handelt, die den Schriftzug aus der Nazizeit trägt, ist unklar.

Doch die Klärung dieser Frage wird wohl etwas dauern. Laut der amtlichen Glockensachverständigen der Diözese Speyer und der Evangelischen Kirche der Pfalz, Birgit Müller, die sich vor kurzem vor Ort ein Bild von der Lage gemacht hat, sei der Glockenstuhl sanierungsbedürftig. Zudem könne die Glocke selbst derzeit nicht untersucht werden, da sie durch Taubenkot stark verunreinigt sei. „Ich bin dabei, ein Gutachten zu verfassen und die Handlungsoptionen zu prüfen“, betonte sie auf „pilger“-Anfrage.

Dies wurde bei einem ersten Treffen am 30. August von Vertretern der katholischen und evangelischen Gemeinde, der Ortsgemeinde und dem Heimatverein mit Birgit Müller beschlossen. Laut Richard Hackländer, Pfarrer der protestantischen Kirchengemeinde Essingen-Dammheim-Bornheim, wollen die Interessenvertreter Anfang Oktober erneut mit der Glockensachverständigen beraten und gemeinsam eine Beschlussvorlage für ihre jeweiligen Gremien vorbereiten. „Ich gehe davon aus, dass diese dann auch so durchgeht“, bekräftigt Hackländer. Carsten Geeck, Leitender Pfarrer der Pfarrei Heiliger Augustinus in Landau, zu der die Gemeinde Essingen gehört, war für ein Gespräch nicht zu erreichen.

Was die Geschichte der Wendelinuskapelle angeht, so wurde die gotische Kirche bereits um das Jahr 1000 urkundlich erwähnt und 1280 der Jungfrau Maria geweiht. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts diente sie nicht mehr als Gotteshaus. „In der Nazizeit wurde sie als  Abstellraum für Geräte genutzt“, unterstreicht Birgit Müller. Erst seit 1998 finden in der Wendelinuskapelle wieder liturgische Feiern statt. So feiert die protestantische Gemeinde zwischen April und Oktober einmal im Monat in der Kapelle einen Gottesdienst und die katholische Gemeinde am Namenstag des heiligen Wendelinus eine Andacht.

Jährlich am ersten Sonntag im Juli gibt das Händelorchester Mannheim ein Benefizkonzert zugunsten des historischen Gotteshauses. Darüber hinaus wird es gerne für Ausstellungen genutzt. Der Erlös sämtlicher Veranstaltungen kommt dem kleinen gotischen Kirchlein zugute.

Keine Nazirelikte in katholischen Kirchen

Dem Bischöflichen Ordinariat in Speyer ist nicht bekannt, dass es in katholischen Gotteshäusern im Bistum Speyer Relikte aus der Nazizeit gibt. Das erklärte Bistumssprecher Markus Herr auf „pilger“-Anfrage. Auch Glockensachverständige Birgit Müller stieß beim Wälzen historischer Dokumente auf keinerlei Indizien. „Ich habe sämtliche Glocken in katholischen Gotteshäusern unter die Lupe genommen“, erläutert Müller, „und konnte nichts feststellen“. Zwischen 2009 und 2013 beschäftigte sich Anke Elisabeth Sommer mit den Fenstern in den Kirchen der Diözese Speyer und veröffentlichte ihre Erkenntnisse in einem Buch mit dem Titel „Glasmalereien im Bistum Speyer – Leuchtende Zeugen christlichen Glaubens von der Romanik bis heute“.

„Dabei habe ich nichts Naziverherrlichendes entdecken können“, so die Kunsthistorikerin, die seit vielen Jahren als wissenschaftliche Autorin für das Bistum tätig ist. Seit drei Jahren untersucht sie im Auftrag der Diözese Speyer das Kunstinventar in den Kirchen. Die beiden Dekanate Germersheim und Landau sind bereits abgeschlossen. „Bislang bin ich bei meinen Recherchen, bei denen ich das gesamte Inventar der Gotteshäuser in den Blick nehme, in ganz wenigen Kirchen lediglich auf Hakenkreuzflaggen gestoßen“, so die bisherige Bilanz Sommers. Dass die katholische Kirche weniger anfällig für braunes Gedankengut gewesen ist, erklärt die Kunsthistorikerin unter anderem mit dem Papst als Autorität der Katholiken. Außerdem sei die katholische Kirche im Dritten Reich unterdrückt und die Sonntagspflicht behindert worden.

Ein Relikt für die Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie von Seiten der katholischen Kirche im Bistum gibt es in der Kirche St. Ludwig in Bad Dürkheim. Der Künstler Paul Thalheimer schuf 1938/39 das dortige Altarbild so, dass im dargestellten „Volk“ einige Dürkheimer Nazis sich wiedererkennen konnten. Zudem trägt ein mitgekreuzigter Verbrecher die Züge Adolf Hitlers. (pede)

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