Geistliches Leben

Donnerstag, 26. April 2018

Sich von Gott geliebt wissen und diese Liebe weiterschenken

„Hass ist eine zu schwere Bürde“ – Gedanken zum Johannes-Evangelium 15, 9–17 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

Neunmal! So oft kommt in den wenigen Versen des Sonntagsevangeliums das Wort „Liebe“/„lieben“ vor. Jesus weiß sich von seinem Vater geliebt, schenkt diese Liebe an seine Jünger weiter und ruft sie auf, in seiner Liebe zu bleiben. Das ganze gipfelt in der Forderung Jesu: Liebt einander! Angesichts dieses Befehls stellt sich die Frage: Kann oder darf mir jemand vorschreiben, dass und wen ich zu lieben habe? Ist ein solcher Aufruf nicht ein Widerspruch zum Wesen der Liebe, die sich aus freien Stücken verschenkt und der es absolut fernliegt, einem anderen Menschen Vorschriften machen zu wollen?

Auch wenn im Text mehrere Ausrufezeichen stehen, so liegt es Jesus doch fern, uns das Lieben per Dekret befehlen zu wollen. Und schon gar nicht nach dem Motto: Erst wenn ihr mich und einander liebt, dann und nur dann hat auch Gott euch lieb. Vor dem Aufruf, in seiner Liebe zu bleiben und einander zu lieben, steht für Jesus die Erinnerung daran, dass Gott uns zuerst geliebt hat und dass seine große Liebe zu uns Menschen in Jesus Christus greifbar geworden ist: In seiner Botschaft von der Versöhnung, in seinen heilenden Gesten, in der Hingabe seines Lebens am Kreuz. Denn Gott weiß: Nur wer sich selbst bedingungslos geliebt weiß, ist selbst auch imstande zu lieben. Wem umgekehrt die Grunderfahrung des Geliebt-Seins fehlt, der kann nur schwer jenes Vertrauen fassen, das sich ganz einem anderen Menschen öffnet und sich ihm liebend anvertraut.

Insofern ist der Aufruf Jesu „Liebt einander!“ alles andere als eine Aufgabe, die von vorneherein meine Kraft übersteigen könnte, oder ein Aufruf zu einer moralischen Kraftanstrengung. Er ist vielmehr eine Einladung, Gottes Liebe als Geschenk anzunehmen – und zwar zugleich als Gabe für mein Leben und als Aufgabe, diese Liebe an andere Menschen weiter zu verschenken. Jene Liebe, die mir von Beginn meines Lebens an entgegenkommt: in der liebenden Zuwendung meiner Eltern und Freunde, in den mir anvertrauten Begabungen und Fähigkeiten, in den großen und kleinen Wundern des Alltags. Jene Liebe, die sich aber ebenso immer wieder verbirgt: wenn Beziehungen und Freundschaften zerbrechen, wenn persönliche Schicksalsschläge das Leben schwermachen, wenn sich angesichts von Kriegen und Naturkatastrophen die Sinnfrage stellt.

Doch was habe ich davon, wenn ich den Auftrag Jesu „Liebt einander!“ erfülle? Zunächst scheinbar nichts! Die Liebe, von der im Sonntagsevangelium die Rede ist, wird im griechischen Urtext als „Agape“ bezeichnet – das heißt, als selbstlos sich verschwendende Hingabe an den anderen. Im Gegensatz zum „Eros“ – dem sehnsüchtig-leidenschaftlichen Verlangen nach dem anderen. Und im Gegensatz zur „Philia“ – der auf Gegenseitigkeit bedachten Freundesliebe. Kennzeichen der Agape ist, dass sie nicht nach dem eigenen Vorteil fragt, sondern ganz auf das Wohl des anderen ausgerichtet ist. Das Wort Jesu „Bleibt in meiner Liebe!“ bedeutet demnach also: Bleibt in meiner Spur und nehmt Maß an der grenzenlosen Offenheit und Hingabe, mit der ich den Menschen begegnet bin. Bleibt allen Menschen wohlwollend zugewandt – nicht nur jenen, von denen Ihr Euch einen Vorteil erhofft und die Eure Zuneigung erwidern.

Und doch verschwende ich mich nicht, gebe ich mich selbst nicht auf, wenn ich, wie Jesus es aufträgt, jeden Menschen bedingungslos liebe. Denen, die sich an sein Liebesgebot halten, verheißt er: „Ihr seid nicht mehr länger Knechte, sondern Freunde. Ihr bringt reiche Frucht. Und ihr werdet von Gott alles empfangen, worum ihr ihn in Jesu Namen bittet.“ Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Beispiel von Martin Luther King, der vor genau 50 Jahren erschossen wurde. Der bekannte Baptistenpastor und Bürgerrechtler hat einmal gesagt: „Ich habe mich für die Liebe entschieden. Hass ist mir eine zu schwere Bürde!“ In seinem Einsatz für die Rechte der Afroamerikaner in den USA hat er erfahren, dass die sich ganz für den anderen verströmende Agape auch ihm selbst zu einem erfüllteren Leben verhilft. Er hat erfahren: Wer nicht liebt, bleibt ein Knecht – einer, der sein Leben bestimmen lässt von Hass, Angst und dem Gefühl, immer zu kurz zu kommen. Wer hingegen liebt, bringt Früchte und kann die Welt zum Besseren verändern – im eigenen kleineren Umfeld bis hin zur Beseitigung der großen Ungerechtigkeiten, von denen das Miteinander der Menschen geprägt ist.

Und wer liebt, dessen Träume können wahr werden – weil Gott ihm das schenkt, worum er im Namen Jesu bittet.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch
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