Im Gespräch

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Helles Licht im Dunkel der Menschheit

Bischof Wiesemann und Kirchenpräsident Schad mit gemeinsamer Botschaft zu Weihnachten

Menschenleer. Der Domplatz in Erfurt mit Weihnachtspyramide und Krippe. (Foto: actionpress)

Liebe Schwestern und Brüder in Bistum und Landeskirche und in der Weite der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Region Südwest!

„Fürchtet euch nicht! Heute ist euch der Retter geboren: Christus, der Herr!“ Die Botschaft des Engels trifft uns in Zeiten von Corona anders, tiefer, unmittelbarer als sonst. Ihr leiser Ruf tröstet, dringt durch – auch durch den Riss dieser Pandemie. Gott bleibt nicht bei sich, geht über sich hinaus, macht sich das Fremde zum Nächsten. Gott wird Mensch – vor uns und für uns. Das ist unsere Rettung.
Der Mensch gewordene Gott, er steht gerade in diesen Tagen an unserer Seite. Im Kind in der Krippe tritt die Begrenztheit und Zerbrechlichkeit unseres Lebens unmittelbar vor unsere Augen. Christus lebt unser Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Er leidet in und mit denen, die selbst – oder deren Angehörige an Corona erkrankt sind. Er weiß um die Sorgen derer, die an den Auswirkungen der Pandemie schwer tragen. Er gibt denen Kraft, die solidarisch handeln. Die um der Gesundheit anderer willen Einschränkungen auf sich nehmen. Er ist das Leben in Fülle für die, die durch das Virus oder mit ihm gestorben sind. Er schließt die in seine Arme, die um sie trauern. In jeder und jedem von uns erfüllt sich das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Jedes Mal neu, wenn wir uns für seine Ankunft in unserem Leben öffnen. Uns von ihm in Dienst nehmen lassen für ein menschlicheres Antlitz dieser Welt.
Die „Stille Nacht“ und das „einsame Wachen“ werden nicht wenige schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Wir vermissen das herzliche Beisammensein zum Fest im Kreis unserer Familien. Wir fühlen mit allen mit, die gerade an diesem Fest unter der Einsamkeit leiden, insbesondere mit den vielen, die auf Isolier- oder Intensivstationen um ihr Leben ringen. Und wir sind dankbar für alle, die gerade an diesen Tagen Dienst für die tun, die auf Hilfe angewiesen sind.
Dieses von der Pandemie gezeichnete Fest weitet unseren Horizont. Und der ist größer als der eigene häusliche Kreis. Weihnachten ist ein Fest der Menschheitsfamilie: Weil Gott Mensch wird, sind wir in ihm in unzerstörbarer gemeinsamer Würde als Schwestern und Brüder miteinander verbunden. Das Licht von Weihnachten ist an keine warme Stube, an keinen Tannenbaum und keine Lichterkette gebunden. Es dringt hinein bis in die hintersten und die dunkelsten Winkel menschlichen Lebens. Die Solidarität Gottes mit uns überwindet jede Distanz, durchdringt jede Trennung. Weihnachten ist an keine Bedingung gebunden – es findet immer statt, weil Gott unser Menschenleben mit uns lebt.
Unsere Ökumene heute, das gemeinsame Zeugnis von der Menschenfreundlichkeit Gottes, das wir in unserer Welt geben dürfen und sollen, ist herangewachsen gerade in sehr einsamen und dunklen Stunden durch Menschen wie den Jesuitenpater Alfred Delp oder den evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, die auf Grund ihres Widerstands zum Naziregime Weihnachten und den Jahreswechsel 1944/45 in ihren Todeszellen verbringen mussten. Da hat sich der Horizont geweitet und ist das Geheimnis von Weihnachten, das jeden Abgrund, jede Trennung überwinden kann, neu aufgeleuchtet. Ihre Worte, die uns noch heute vom Trost und Mut unseres gemeinsamen Glaubens an den menschgewordenen Gott auf berührende Weise künden, gehen uns gerade am diesjährigen Fest unter die Haut, wirken tiefer als alle Kontaktsperren: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht alleine zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt“ (Alfred Delp). „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“ (Dietrich Bonhoeffer).
Das ist es, was wir Ihnen, liebe Schwestern und Brüder im gemeinsamen Glauben daran, dass uns der Retter geboren ist, zu diesem Fest in „Geist und Sinn“ hineinsprechen, in „Herz, Seel und Mut“ hineinschreiben wollen: „O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht, wie schön sind deine Strahlen.“ (Paul Gerhard)
Das ist der große Horizont von Weihnachten, das helle Licht im Dunkel der Menschheit, das warme Licht in der Kälte der Einsamkeit, das tröstende Licht in den Wunden der Seele. So wünschen wir Ihnen und Ihren Familien von Herzen ein gnadenreiches, von der Hoffnung und Zuversicht unseres Glaubens geprägtes Christfest.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Dr. h. c. Christian Schad, Dr. Karl-Heinz Wiesemann
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