Geistliches Leben

Freitag, 12. Juli 2019

Hören und Tun sind eins

Gedanken zum Lukas-Evangelium 10, 38–42 von Dr. Helmut Husenbeth, Studiendirektor i.R., Diakon i.R.

Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem – und damit zu seiner Vollendung. Der Evangelist  Lukas zeigt uns Jesus als den heilenden, lehrenden und betenden göttlichen Wanderer. Dabei erzählt er auch Gleichnisse und Geschehnisse vom Unterwegssein, von Gastfreundschaft und der Einkehr auf diesem Weg.

Da ist zunächst das durch die Frage eines Gesetzeslehrers ausgelöste Gleichnis vom barmherzigen Samariter: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Sehr konkret wird das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe dargestellt und betont: Frömmigkeit ohne die Praxis der Liebe ist sinnlos.
Die Antwort Jesu auf die Frage des Gesetzeslehrers nach dem Gewinn des ewigen Lebens bezieht aber auch die dann erzählte Geschichte von der Einkehr Jesu und seiner Jünger bei den Schwestern Marta und Maria mit ein: Unser Tun wird durch das Hören auf das Wort Gottes bzw. auf die frohe Botschaft Jesu motiviert und erfüllt.

Jesus eröffnet seinen Zuhörern – und ebenso uns heute – den Weg zum wahren Leben. Nicht zufällig schließt Lukas an die „Maria- und Marta-Geschichte“ das Gebet des Herrn an.
Das Geschehen um den Besuch und die Einkehr Jesu bei den Schwestern Maria und Marta kann uns allerdings zunächst auch etwas ratlos machen. Da ist das besorgte Tun der Marta. Sie kümmert sich um die Gäste, ist ganz davon in Anspruch genommen. Das ist ja auch nötig. Jesus ist „mit seinen Jüngern“ bei Marta eingekehrt – wohl unangekündigt. Da gibt es viel zu tun, wie man sich leicht vorstellen kann. Gastfreundschaft, zumal im Orient, ist ein sehr hohes Gut. Zudem weiß Marta, dass sie jetzt einen besonderen Gast hat – und eine ganze Gruppe hungriger und durstiger Wanderer dazu.

Schauen wir in unsere Gemeinden – vieles wäre nicht möglich ohne solch zupackende Frauen wie Marta. Gemeindefeste, Freizeiten für Kinder oder Messdienertreffen, Nachmittage für Senioren – und was auch immer: die Arbeit muss geschafft werden. Und dies alles wurde und wird ja auch als Dienst an der Gemeinde Jesu Christi verstanden. Kirche ohne Frauen wie die gastfreundliche und zupackende Marta – da würde vieles nicht funktionieren.

Aber Vorsicht: Es geht in dieser Situation nicht darum, Aktion gegen Kontemplation, das Dienen gegen das Beten, das Tun gegen das Hören, Marta gegen Maria auszuspielen. Nein – das Hören auf das Wort und die dienende Arbeit für den Gast sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich. Jesu Antwort auf die fragende Bitte der Marta enthält ja auch zunächst durchaus Dank, Lob und Anerkennung: „Du machst dir viel Sorgen und Mühen“.

Dann aber hebt Jesus das heraus, was jetzt und in dieser Begegnung wichtig ist: Es ist Zeit zu hören. Er, der in die Welt gekommen ist, um zu dienen, bietet jetzt seinen „Dienst des Wortes“ an. Dieses Wort zu hören und es aufzunehmen, ist jetzt wichtig. Maria tut genau dies, sie hat „das gute Teil“ erwählt. Nochmals: Marta wird von Jesus nicht zurückgewiesen, sondern sie wird hingewiesen auf die Bedeutung der Verkündigung. Ja, beides ist wichtig: Hören und Tun – aber alles zu seiner Zeit.

Hatte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter das Ziel, neben Liturgie und Frömmigkeit die Nächstenliebe zu betonen, so wird hier die Bedeutung des Hörens auf das Wort Jesu herausgestellt. Diesen guten Teil hat Maria erwählt. Klar wird hier:  Zum religiösen Leben gehört das Stille-Werden vor Gottes Wort ebenso wie die praktizierte Fürsorge für andere.

Gerade in einer Zeit, in der Frauen verstärkt nach einer angemessenen Rolle in der Kirche suchen, kann uns die Lukas-Geschichte über Maria und Marta aber auch nachdenklich machen. Da wird von Lukas völlig Unerwartetes berichtet: „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu“.
Die Geste, sich dem Lehrer, dem Rabbi, hier Jesus, „zu Füßen zu setzen“, war eindeutig den Männern vorbehalten – das war bei den Juden nicht anders als bei den Griechen.

Jesus akzeptiert nicht nur dieses kulturell ungewöhnliche Verhalten, er lobt es sogar ganz ausdrücklich. Das Hören auf sein Wort ist die jetzt angemessene Reaktion. Damit  durchbricht Maria das ihr vorgegebene Rollenverhalten – und Jesus macht deutlich: Wichtig ist das Hören auf seine Botschaft. Das aber gilt für Mann und Frau gleichermaßen. Maria sitzt bei den Jüngern Jesu und hört dessen Wort. Offenbar von allen akzeptiert und gleichberechtigt. Lukas nennt ja auch vorher schon Frauen, die Jesus begleiten und ihn unterstützen (Lk. 8, 1 – 3). Und die Frauen sind es, die Jesus bis zum Kreuz begleiten. Sie sind es, die als erste von der Auferstehung Jesu erfahren und sie verkünden.

Jesu Botschaft lautet: „Gottes Wort hören“ und „Nächstenliebe üben“ gehören in  seiner Nachfolge zusammen. Und weiter: Frauen und Männer sind gleichberechtigte und geachtete Jüngerinnen und Jünger Jesu. Das galt in der christlichen Urgemeinde – und es gilt in der christlichen Gemeinde heute.



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