Geistliches Leben

Mittwoch, 25. Mai 2016

Ich befehle dir: Steh auf!

Es gibt immer Hoffnung – auch in der hoffnungslosesten Lage – Gedanken zum Lukas-Evangelium 7, 11–17 von Pastoralreferentin Luise Gruender

Nain heißt „die Liebliche“ oder „das Angenehme“. Und in der Tat ist die Stadt Nain sehr schön gelegen. Sie befindet sich zehn Kilometer südöstlich von Nazareth in Galiläa. Vor ihr breitet sich die Weite der Jesreelebene aus, hinter dem Ort liegt der Hügel More, alles wunderbar. Der Evangelist Lukas berichtet, dass Jesus dort hinging. Seine Jünger waren mit dabei und außerdem noch eine Menge Volk.

Der im Evangelium beschriebene Zug hat aber nichts „liebliches“ oder „angenehmes“ an sich. Im Gegenteil: Es ist ein Trauerzug. Die Bewohner der Stadt tragen einen Menschen zu Grabe. Wie damals üblich, befinden sich die Grabstätten außerhalb des Ortes. Die Menschen machen sich also auf den Weg, um den Toten zur letzten Ruhe zu geleiten. In diesem Fall besonders tragisch: Der Verstorbene war noch sehr jung, kaum erwachsen. Dieser Sohn war das einzige Kind der Mutter. Obendrein hatte sie ihren Mann auch schon verloren, sie war Witwe. Das waren furchtbare Schicksalsschläge. Die Frau hatte enormes Leid zu tragen. Außerdem sah ihre Zukunft völlig düster aus. Als vollkommen alleinstehende Witwe würde sie auf Almosen angewiesen sein.

Gab es einen Grund, dass der junge Mann aus Nain so früh starb? Der Evangelist Lukas sagt hierüber nichts. Aber er spricht von großer Anteilnahme im Ort: Viele Menschen begleiten den Trauerzug. Der Tod des einzigen Kindes galt als schreckliche Strafe Gottes. Alles passiert vor dem Stadttor. Dies ist kein beliebiger Ort: Es ist mehr als bloß der Ein- und Ausgang einer Stadt. Das Tor war der Ort, an dem das Gericht zusammentrat. Hier fällten die Ältesten der Stadt ihre Urteile. Und so liegt die Frage nahe, ob Gott ein Urteil gefällt hat über den jungen Mann? Er hatte ihn weggenommen „in der Hälfte seiner Tage“. Oder vielleicht hatte Gott sogar noch mehr ein Urteil über die Witwe gefällt?

Uns mögen solche Gedanken inzwischen fremd sein, aber für die Menschen damals drängten sie sich geradezu auf. Es begegnen sich also die verzweifelt trauernde Mutter und der Sohn Gottes. Was wird passieren? Die Mutter spricht kein Wort, als sie Jesus trifft. Sie bleibt stumm, nichts geht ihr über die Lippen: Keine Klage, keine Bitte, gar nichts. Ob sie noch nie etwas von Jesus gehört hatte? Wusste sie nicht, wer da vor ihr stand? Oder hatte sie schlicht keine Hoffnung?

Es gibt Leid, das uns sprachlos macht. Das gilt auch für Menschen mit festem Glauben. Solange wir fröhlich mit Jesus in das Liebliche und Angenehme ziehen, ist alles ganz klar. Da fällt es leicht, den Glauben zu bekennen. Da gehen fromme Sätze leicht über die Lippen. Bei dieser Frau ist es anders. Ihr ist der Boden unter den Füßen weggezogen. Für sie steht alles in Frage. Sie fällt ins Bodenlose. Selbst fromme Sätze, denen sie sonst zugestimmt hätte, helfen ihr nicht. Sie überzeugen sie nicht. Wer will ihr das verdenken?

Ich kann es verstehen, dass Menschen, die so etwas erleben, sprachlos werden – sprachlos in ihrem Glauben. Sie mögen wissen, dass es bei Gott immer noch Hoffnung gibt, aber sie sehen keine Anzeichen mehr dafür. Was sie früher in großem Gottvertrauen gesagt haben mögen, überzeugt sie plötzlich nicht mehr.

So kommt es, dass die Witwe vor Jesus steht und kein Wort über die Lippen bringt. An anderen Stellen, bei Heilungen, sagte Jesus oft: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Allein im LukasEvangelium steht es dreimal so. – Dabei steht doch jetzt der vor ihr, der sagt: „Bittet, so wird euch gegeben.“

Aber hier fragt Jesus nicht nach Glauben oder Unglauben. Er hat einfach schreckliches Mitleid und hilft, indem er sagt: „Jüngling, ich sage dir, steh auf!“ In diesem Moment werden alle die Luft angehalten haben. Jetzt muss etwas passieren, unbedingt. Und tatsächlich: Jesus geht hin. Keiner hat damit gerechnet, dass er eingreift. Selbst wenn es ein Urteil Gottes gegeben haben sollte: Jesus hebt es wieder auf, aus Mitleid. Dieser Tod war nicht das endgültige Urteil. Was er tut, das tut er nicht, weil er besonderen Glauben sieht. Er tut es, weil er schreckliches Leid sieht. Das ist die frohe Botschaft für alle, die keine Kraft mehr zum Glauben haben: Jesus erbarmt sich aus Mitleid. Er tut es, selbst wenn das Vertrauen auf Gott geschwunden ist. Jesus tut es in seiner eigenen Vollmacht.

Der Tote richtet sich auf und fängt an zu reden. Er ist völlig wiederhergestellt. Es ist, als wäre er nie gestorben.

Klar, dass die Leute sich fürchten und anfangen zu reden: „Es ist ein großer Prophet unter uns.“ Und: „Gott hat sein Volk besucht.“ Darin waren sich alle einig, dass so ein Wunder nur im Namen Gottes geschehen kann.

Wir glauben, dass Jesus nicht bloß Tote lebendig macht, sondern dass er eine ganz andere Art von Leben für uns bereit hält. Diese Verheißung eines ewigen Lebens ist doch viel aufregender, als dass da in Nain ein Toter wieder für einige Zeit lebendig geworden ist. Wir können mit Jesus rechnen, nicht nur auf dem Weg ins Liebliche und Angenehme, sondern immer. Wir wissen, es gibt Hoffnung auch in der hoffnungslosesten Lage!

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