Geistliches Leben

Donnerstag, 22. September 2016

„Ich bin da! Ich bin mit Dir!“

Der Schrei des Propheten bleibt nicht ohne Antwort Gottes – Gedanken zum Lukas-Evangelium 17, 5–10 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

„Wie lange noch, Herr, soll ich rufen, und du hörst nicht? Ich schrei zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht“. Die verzweifelte Klage des Propheten Habakuk angesichts „der Macht des Bösen“, von Unterdrückung, Misshandlung, Zwietracht und Streit steigert sich geradezu zur Anklage Gottes. Er ist Gottes „berufener Rufer“, aber sein Rufen bewirkt nichts. Ungerechtigkeit, gebeugtes Recht, Ausbeutung der Schwachen durch die Starken, Korruption, Intrige, Lüge und Verrat herrschen offenbar im Volk Gottes, ohne dass ein Hören auf das prophetische Wort irgendetwas ändern würde. Ja, Gott selbst tut offenbar nichts. Es scheint sogar, als habe er sich verborgen, als sei er gar nicht da.

„Wie lange noch, Herr?“ Modern ist diese Botschaft aus dem siebten Jahrhundert vor Christus. Auch in unserer Zeit herrschen Kriege und Unterdrückung. Tod, Terror und Angst bewegen Millionen Menschen zur Flucht. „Wir lange noch, Herr“, kam mir in den Sinn, als ich im Heiligen Land auf der Fahrt durch die Palästinensergebiete, durch Mauern, Stacheldraht und Checkpoints und in den Gesprächen mit Menschen das Unrecht spürte, die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit und den nur mühsam zurückgehaltenen Hass. In Galiläa hörte ich Detonationen aus dem unweiten Syrien: Der Krieg mit seinen unbeschreiblichen Gräueln, hier ist er nicht fern.

„Wir lange noch, Herr?“ fragen viele Menschen angesichts persönlicher Leiderfahrungen: Unglück, Krankheiten und Schmerz, Armut, berufliches Scheitern, die zerbrochene Familie, Gewalterfahrung durch (sexuellen) Missbrauch, die ein Leben lang belastet, die eigene Entwicklung blockierende Abhängigkeiten, Sucht und Depression, auch bei uns Ablehnung, Diskriminierung und Entwürdigung, weil Menschen anders sind. Die wachsende Intoleranz in unserer Gesellschaft gegen Flüchtlinge, gegen Fremde ist besorgniserregend. Und die Bedrohung der Lebensgrundlagen unserer Welt, die immer noch schrankenlose und kriminelle Ausbeutung der Natur, die Vergiftung der Meere, der Klimawandel und die von Menschen verursachte Erderwärmung? Man könnte verzweifeln. Und viele Menschen tun es.

Da ist es gut, laut klagen und leidenschaftlich anklagen zu können. Da ist es gut, eine Adresse für die eigene Verzweiflung und Wut zu haben. Habakuk wendet sich an Gott. An wen sonst? Ohne diplomatische Dämpfung. Er schreit seinen Schmerz, sein Elend in einer kompromisslosen Anklage Gottes heraus. Aber selbst in der höchsten Not, in schierer Verzweiflung lässt er nicht von Gott ab. Er wird nicht gott-los. Er klagt Gott zwar an, hält aber an ihm fest. „Auch wenn er mich tötet, will ich auf ihn hoffen“, so tritt erhobenen Hauptes Ijob Gott gegenüber (Buch Ijob 13, 15). Er lässt nicht zu, dass sich „der Herr“ davonstiehlt. Auch Jesus am Kreuz schreit seine Verzweiflung heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Markus-Evangelium 15, 34; Psalm 22, 2). In absoluter Ohnmacht und Verlassenheit, im Ausgeliefertsein an die „Macht des Bösen“ (Buch Habakuk 1, 3) hält er dennoch an „seinem“ Gott fest.

Und Gott antwortet Habakuk. Er nimmt seinen Propheten ernst. Er stellt sich der Anklage des Menschen: „Warte ab! Es kommt und bleibt nicht aus.“ Auch in der Dunkelheit, der augenscheinlichen Abwesenheit Gottes soll der Prophet nicht die Hoffnung fahren lassen: „Ich bin da. Ich bin mit Dir!“ Recht und Gerechtigkeit werden sich durchsetzen. Wer treu ist, bleibt am Leben (Buch Habakuk 2, 4). Gegen allen Augenschein werden sich Recht und Gerechtigkeit durchsetzen, wird es das Leben auch für die Schwachen und Ohnmächtigen geben. Und es ist ein Leben, das ganz aus der Liebe Gottes herausfließt: „Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hoheslied 8, 6).

Ich stehe auf dem Golgotafelsen in der Grabeskirche von Jerusalem. Hier ist für mich das zentrale Geheimnis unseres Glaubens verortet: Im Grauen des Kreuzes, im Augenblick absoluter Ohnmacht und grenzenlosen Schmerzes geschieht das Wunder der göttlichen Liebe, die Liebe zwischen Vater und Sohn, eine Liebe, gegen die der Tod nichts entgegenzusetzen hat, eine Liebe, die aus dem Tod ins Leben reißt: Auferstehung. Und das ist kein lebensferner theologisch tiefgründelnder Lehrsatz, sondern eine lebendige Wahrheit, die Menschen in ihrem Leben erfahren können.

In einer völlig ausweglosen und verzweifelten Situation konnte ich erfahren, dass Gott da ist, dass er mit mir ist. Er war da, wo er mir verborgen, fern, ja nicht existent schien. Ich musste einen langen Weg gehen, dunkel und schmerzhaft, aber es wurde ein Weg ins Licht, in die eigene Wahrheit und hinein ins Leben. Auferstehung. Ich war dabei gehalten, geborgen, geführt – geliebt. Gott war da, gerade in der Dunkelheit meines eigenen Abgrunds.

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