Geistliches Leben

Mittwoch, 25. November 2015

Immer neu nach Jesus fragen

Johannes weist mit markanten Worten ins Eigentliche unseres Christseins - Gedanken zum Lukas-Evangelium 3, 1–6 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Johannes der Täufer gilt als eine der großen Gestalten des Advent. Er lebt an der Zeitenwende zwischen dem „Alten und Neuen Bund“. Das Lukas-Evangelium ordnet ihn mit der Nennung der politischen Machthaber und der jüdischen Hohenpriester in eine konkrete Zeit ein. Johannes wird in der Wüste von Gott berufen und bricht von der einsamen Gegend seines bisherigen Aufenthaltes auf und begibt sich an den Jordan, die zentrale Verbindung von Judäa und Galiläa. Der Evangelist begründet das mit einem Zitat von Jesaja: „Gott wird dafür sorgen, dass eine Prachtstraße gebaut wird vom Tempel nach Babylon, und denen, die dort im Exil leben, wird sie gleichzeitig als Weg zur Heimat dienen“. Johannes ist derjenige, der die Vorbereitung für diesen Bau treffen soll.

Im weiteren Text wird erzählt, wie er das Volk, das in Scharen zu ihm kam, zur Buße und Umkehr aufgerufen hat; dabei ist er nicht gerade sanft in seiner Ausdrucksweise. Er nennt seine Zuhörer zum Beispiel „Schlangenbrut“. Er hat sie im wahrsten Sinne „provoziert“ – dieses lateinische Wort bedeutet „herausrufen“ und „herausfordern“. Er hat sie herausgefordert zur Selbstbesinnung, hat sie herausgeholt aus ihrer Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit. Wenn wir uns ein umfassenderes Bild des Johannes machen wollen, dann können wir an mehreren Stellen der vier Evangelien nachlesen. Er hat wohl so gepredigt, dass die religiösen und politischen Machthaber in Jerusalem eine Abordnung losschickten, die ihn verhören musste: Wer bist du? Warum taufst du? Und Herodes verhaftete ihn und ließ ihn töten (Matthäus-Evangelium 14,3ff).

Johannes hat die Selbstsicherheit derer gestört, die sich für gut und fromm hielten. Er sah sich nicht als der Messias, er sah sich als Vorläufer eines Größeren. „Ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren“ (Johannes-Evangelium 1,27). Er ist nicht der Endgültige, und seine Verkündigung ist nicht das Endgültige. „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“, sagt Johannes über Jesus (Johannes-Evangelium 3,30).

Und dann ist da noch die Geschichte, wie Johannes im Gefängnis ist und von großen Fragen und Zweifeln geplagt wird: Er hatte einen Messias verkündet, der „die Spreu vom Weizen trennt“, der hart durchgreift gegen alle Missstände. Und von all dem hört er nichts. Hat er den Falschen als den Messias verkündet, oder kommt der ganz anders, als er ihn gesehen hatte. Die Gottesherrschaft, die dieser Jesus verkündet, kommt nicht in Größe und Stärke, sondern im Kleinen und Verborgenen.

Johannes verzweifelt nicht oder lehnt diesen Jesus einfach ab, weil er nicht seinen Erwartungen entspricht. Johannes schickt seine Jünger zu Jesus und lässt fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Jesus antwortete ihnen: „Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht; Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“ Dies ist ein Zitat vom Propheten Jesaja, er will sagen: „Wenn dies geschieht, ist Gottes Herrschaft da.“ Johannes stellt seine Predigt und letztlich sich selbst in Frage, und er fragt neu nach Jesus.

Was können wir als Christen, was können wir als Kirche von Johannes lernen? Was könnten heute „Adventswünsche“ sein? Johannes wird „Vorläufer“ Jesu genannt, wie kann er zum „Vorbild“ für jeden von uns und für unsere Kirche werden? Lassen wir uns herausrufen aus unserer Selbstgerechtigkeit? Wie können wir als Kirche die Menschen herausrufen und herausfordern zum Umdenken, dass sie als Wertmaßstäbe für ihr Leben die Botschaft des Evangeliums immer mehr ernst nehmen? Wie können wir Menschen werden, die sich nicht als das Maß aller Dinge sehen und die nicht Herren über andere sein wollen, sondern sehen, dass Jesus Christus unser aller Herr ist. Wie können wir eine Kirche werden, die sich ihrer Vorläufigkeit bewusst ist?

Kirche ist nicht das Reich Gottes, sie soll vielmehr die Menschenfreundlichkeit Gottes – oder wie der Papst sagt, die Barmherzigkeit Gottes – den Menschen zeigen. „Johannes, nimm dich nicht so wichtig“, hat Papst Johannes XXIII. zu sich selbst gesagt, um der Gefahr zu entgehen, sich und nicht Jesus Christus in den Mittelpunkt zu stellen.

Eine „Johannes-Kirche“ wäre eine Kirche, die noch fragen kann, die immer wieder neu nach wesentlichen Inhalten der Botschaft sucht, die Fragen zulässt und auch sich selbst in Frage stellen kann. Haben wir bei der Bischofssynode in Rom im Oktober dieses Jahres einen solchen Prozess erlebt?

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