Geistliches Leben

Freitag, 26. Januar 2018

Jesus entzieht sich den Menschen

Sie suchen Heilung, er aber bringt das Heil – Gedanken zum Markus-Evangelium 1, 29–39 von Pfarrer i.R. Monsignore Ernst Roth

Dieses Evangelium heute enthält drei Erzählungen, die ursprünglich selbstständig waren und die Markus zusammengefügt hat. Die erste: Jesus in Kafarnaum, im Haus des Simon Petrus, er heilt die Schwiegermutter des Simon von Fieber. Die zweite: Es ist Abend in Kafarnaum, man brachte alle Kranken und Besessenen zu Jesus, die ganze Stadt war vor der Haustüre versammelt, und er heilte viele. Daran knüpft Markus eine dritte Szene an, die man überschreiben könnte mit: Aufbruch aus Kafarnaum. „Alle suchen dich“: Alle sind überaus begeistert von Jesu Wundermacht. Wie reagiert Jesus? „In aller Frühe – heißt es – als es noch dunkel war, steht er auf und geht an einen einsamen Ort, um zu beten.“ Flieht Jesus vor der Menge, die ihn bejubelt? Alle suchen ihn am Morgen, und er? Entzieht er sich den Menschen, den Leidenden, den Kranken? Ja, er entzieht sich ihren Wünschen. Er bringt Heil, sie wollen Heilung.

Petrus und einige Jünger suchen eiligst Jesus. Als sie ihn finden, sagen sie ihm wohl: „Komm schnell zurück, alle suchen nach dir. Die Gelegenheit ist günstig, hier ist viel Volk zu gewinnen!“ Und Jesus antwortet: „Lasst uns anderswohin gehen, damit ich auch dort predige.“ Versetzen wir uns in die Lage von Petrus und seinen Begleitern! Die haben sicher den Kopf geschüttelt und gedacht: „Das soll einer verstehen!“ Jesus kehrt nicht zurück. Was ist der Grund? Jesus hat erkannt: Das Volk sucht ihn, läuft ihm nach, damit er sie von ihren Plagen und Krankheiten befreie. Sie suchen einen irdischen Heiler und Wundertäter. Doch dazu ist er nicht gekommen. Seine Heilungen und Machttaten wollen „nur“ Hinweis sein, „Zeichen“ des kommenden eschatologischen Heils.

Jesu Auftrag vom Vater ist es, den Menschen die Gottesherrschaft nahe zu bringen, die Menschen dafür zu gewinnen, dass sie Gott Herr – sein lassen über ihr Leben und Streben, dass sie mit ihm zusammen zu Gott beten: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe!“ Damit fordert er Umkehr, Nachfolge, Gehorsam gegenüber Gott und seinem Willen und seinen Fügungen. Doch das ist nicht das Anliegen des Volkes. Es hat andere, selbstsüchtige Wünsche an ihn. Eine ähnliche Begebenheit berichtet Johannes nach der Brotvermehrung. Auch da rennen Jesus die Massen nach, suchen ihn und wollen ihn festhalten. Und Jesus sagt Ihnen: „Ihr sucht mich nicht, weil ihr ,Zeichen‘ gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid“ (Johannes-Evangelium 6,26).

Damit wird klar: Jesus geht es nicht um irdische Wohlfahrt. Jesus ist kein Wunderheiler, der immer dann einspringt, wenn wir Menschen nicht mehr weiterkommen. Jesus ändert auch nicht die Bedingungen der menschlichen Existenz, ebenso wenig wie sein Vater, der ihn gesandt hat. Dazu ist der Messias nicht gekommen! Mühsal, Krankheit und Tod, früh oder spät, gehören zu den Bedingungen des menschlichen Lebens. Wunderheilungen durch Jesus, Krankenheilungen – damals wie heute – sind Ausnahmen, und nicht von uns Menschen zu einzufordern.

Hier stellt sich die Frage an uns: Suchen auch wir in einer Notsituation da und dort in Jesus so etwas wie einen irdischen Heiler und Wundertäter? Sicher, wir dürfen in Not oder Krankheit inständig zu Gott rufen. Aber sind wir nicht schnell enttäuscht, wenn unsere inständigen Bitten nicht erhört werden? Jesus entzieht sich auch uns, wenn wir Religion, Gottesverehrung, Christentum zu einer selbstsüchtigen Sache machen: zu einer Lebensversicherung für die letzten, schwierigsten Fälle im Leben, wenn es sonst keine Hilfe mehr gibt; oder zu einem Selbstbedienungsladen für religiöse Verbrämung gewisser Feiern an den Eckpunkten des Lebens. Jesus entzieht sich auch unserem Gebet, wenn es sich in selbstsüchtigen Bitten erschöpft. Vorrang muss haben: Lob Gottes und Dank! Und unsere Gottesdienste sind dann gut und angemessen, wenn es uns gelingt, mit offenem Herzen das Wort Gottes zu hören und von innen her gemeinsam das Lob Gottes und seine Anbetung zu feiern.

In unserem Evangeliums-Abschnitt heißt es am Schluss: Jesus hat die Massen, die ihn gesucht haben und die ihm nachgelaufen sind, stehen lassen. Nach dem Brotwunder und der anschließenden Brotrede in Kafarnaum sind von Jesus viele, fast alle weggelaufen. Sie haben den Messias, seine Botschaft, seinen Auftrag, die Herrschaft Gottes zu errichten, dass „Sein Reich komme!“, nicht verstehen wollen. Jesus hat sie gehen lassen. „Wollt auch ihr gehen?“, sagt er darauf zu den Zwölf. Wenn heute von den christlichen Kirchen viele weglaufen, darf man fragen, ob sie den Auftrag und das Anliegen Jesu Christi gesucht und verstanden haben. Wenn sie etwas anderes gesucht haben, würde Jesus sie in Freiheit gehen lassen.

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