Geistliches Leben

Donnerstag, 27. September 2018

Jesus und die Ehescheidung

Seine Antwort ist eindeutig – Gedanken zum Markus-Evangelium 10, 2–12 von Diakon Hartmut von Ehr

Seit 60 Jahre sind sie verheiratet, Ingeborg und Stephan, auch wenn die Namen nicht ihre echten sind. Zu ihrem Fest kamen alle Kinder, Enkelkinder und die Urenkel. Und beim Überbringen der Grüße von der Pfarrei erzählte Ingeborg ganz ergriffen: „Die Zeit ist so schnell vergangen, ich weiß noch wie heute, wie wir uns das Ja-Wort zugesprochen haben. In all den Jahren gab es kein bösesWort zwischen uns, wir haben uns immer gut verstanden.“

Szenenwechsel. Sabine und Günter (auch hier stimmen die Namen nicht mit den realen Personen überein) sind fünf Jahre verheiratet. Seit Wochen reden sie nur noch über ihre Anwälte miteinander. Nach glücklichem Beginn der Ehe spürten beide schnell, dass ihre Interessen nicht miteinander übereinstimmten. Zudem kam, dass der Schichtdienst, den beide durch ihre Arbeit auszuüben hatten, an den Kräften und der Beziehung zehrte. Schließlich verliebte sich Sabine in einen anderen Mann, die Trennung wurde beschlossen. Zwei Beispiele von Millionen.

Die Frage nach der Ehescheidung ist deshalb so von Bedeutung, weil es jeden Menschen in seiner Biographie trifft; seien es die Ehepartner selbst oder die Kinder. Und darum sind die Antworten auch so verschieden, je nach Erfahrung und Wunden, die zurückgeblieben sind.

Im Judentum war und ist Ehescheidung möglich gemäß dem Buch Deuteronomium Kapitel 24, Verse 1–4. Dabei sind drei Elemente wichtig: Nur der Mann kann eine Ehescheidung veranlassen. Er muss die Form beachten, es muss durch einen Scheidebrief dokumentiert werden. Und als Grund für eine Ehescheidung genügt, dass der Mann an seiner Frau „etwas Anstößiges“ entdeckt. Die Frage, was denn etwas „Anstößiges“ sei, löste heftige kontroverse Diskussionen aus. Beispiele: Kinderlosigkeit; psychische oder geistige Erkrankung; körperliche Fehler; insbesondere Untreue und Ehebruch. Eine rabbinische Richtung ließ nur Ehebruch gelten; eine andere akzeptierte auch weitere „Widerwärtigkeiten“ als Scheidungsgründe. Jesus wollte sich auf dieses rabbinische Gezänk nicht einlassen, sondern hat den ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes für die Ehe reklamiert, der im sechsten Gebot deutlich wird: „Du sollst die Ehe nicht brechen.“

Gott will, dass Eheleute einander in unverbrüchlicher Liebe und Treue verbunden bleiben. Dass im mosaischen Gesetz eine Ehescheidung möglich ist, führt Jesus auf die Untreue der Männer zurück. Jesu Position ist klar: Der Idealfall ist die Ehe auf Dauer – bis zum Tod; denn Mann und Frau sind eben nicht mehr zwei, sondern „ein Fleisch“.

Jesus benutzt das Wort „hartherzig“. Das Herz wird hart. Es lässt keine Liebe mehr zu, es stößt die Liebe ab, wie ein Magnet einen gleichen Pol abstößt. Und diese Herzenshärte wirft Jesus den Pharisäern vor. Sie suchen einenAusweg aus der ehelichen Bindung und finden ihn bei Mose und dessen Gesetzen. Dabei geht es um Buchstabenerfüllung. Jesus aber schaut aufs Herz.

Was hilft das für unsere Situation heute? Auch wenn die Zahl der Ehescheidungen im letzten Jahr im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist, sind immer noch rund ein Drittel aller Ehen von der Scheidung betroffen. So in Deutschland und nicht anders in anderen Ländern. Soll man diesem Trend nachgeben, wie es ja auch schon das Buch Deuteronomius beschreibt, oder sollte man ausdrücklich an der einmal geschlossenen Ehe festhalten?

Egal, welcheAntwort hier nun gegeben wird, es werden immer die aufstehen, die anderer Meinung sind und ihre Stimme dagegen erheben. Die Unversöhnlichkeit hat sich seit der Zeit Jesu nicht verändert. Mögen pastorale Überlegungen auch noch so auf den Menschen zugeschnitten sein, Argumente wie: „Ein Scheitern ist bei Menschen immer möglich“, der Satz Jesu ist dennoch nicht aus der Welt zu schaffen: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“

Weil aber Gott der liebende Gott ist und weil Gott ein Gott ist, der sich nach unserer Liebe sehnt, aber genau weiß, dass er uns zu nichts zwingen darf, lässt er uns die Freiheit, selbst zu wählen. Auch selbst zu wählen,wie wir leben wollen. Und von vielen Geschieden- Wiederverheirateten habe ich erfahren, dass sie in ihrer neuen Beziehung glücklich geworden sind, zur Liebe gefunden haben.

Wir leben heute in einer anderen Zeit. Nie dauerten Eheleben so lange wie heute, nie waren Erwartungen an den Partner höher als heute, und Frauen sind auf keinen Mann mehr angewiesen, um ihr Leben zu gestalten. Dennoch sehnen sich die meisten Menschen nach einer festen Beziehung. Welches Geschenk haben Ingeborg und Stephan empfangen, dass sie auch nach 60 Jahren noch Ja zu einander sagen können!

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Diakon Hartmut von Ehr
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren