Kultur

Mittwoch, 18. September 2019

„Karl, mei Drobbe!“

Vor 70 Jahren startete die Familie Hesselbach als Hörspielserie und schrieb Mediengeschichte

Mitglieder der Hesselbachs, von links: Lia Woehr als „Mamma“, Wolf Schmidt als „Babba“, Joost Siedhoff als Willy und Sofie Engelke als Annelies. Foto: epd-bild

Als der Hessische Rundfunk (HR) am 17. September 1949 die Live-Aufzeichnung des knapp 25 Minuten langen Hörspiels „Hesselbachs ihrn Hausschlüssel“ sendete, ahnte wohl keiner der Beteiligten, dass der Sender und alle Mitwirkenden gerade ein neues Kapitel deutscher Mediengeschichte aufschlugen. Die von Wolf Schmidt erfundene Familie Hesselbach ging im Hörfunk in Serie und als die Familiengeschichten Anfang der 1960er ins Fernsehen übertragen  wurden, wurde sie im jungen HR zum Renner.
77 Hörspiele rund um den von Wolf Schmidt verkörperten Karl „Babba“ Hesselbach sendete der HR in den Jahren 1949 bis 1956. Ging es zunächst um ganz gewöhnliche familiäre Begebenheiten wie die verzweifelte Suche nach dem Hausschlüssel in der ersten Folge, so weitete Schmidt nach und nach das Spektrum. Auf die „Familie Hesselbach“ folgten 1953 zwölf Folgen mit dem Titel „Prokurist a. D. Hesselbach – Büro für Lebensberatung“ und schließlich 18 Folgen der „Hesselbach GmbH“.
Als Schmidt gemeinsam mit Lia Wöhr, die in den Hörspielen die Mama verkörpert hatte, Anfang der 60er die Familienserie für das Fernsehen produzierte, wurden die Hesselbachs zum Straßenfeger der frühen Fernsehjahre. Lia Wöhr spielte im Fernsehen die Reinigungskraft Frau Siebenhals, während Liesel Christ als „Mamma“ Hesselbach in die Annalen der Fernsehgeschichte einging. Die Sehbeteiligung lag 1962 konstant bei 75 Prozent. „Mamma“ Hesselbachs notorischer Stoßseufzer „Kall, mei Drobbe!“, stammte allerdings noch von der Hörfunkmama Lia Wöhr und wurde zum hessischen Kulturerbe. Noch heute twittern Fans von Eintracht Frankfurt diese drei Worte, wenn die Fußballer die Nerven der Zuschauer zu sehr strapazieren.
Das große Talent von Wolf Schmidt, der selbst den „Babba Hesselbach“ verkörperte und durch diese Rolle unsterblich wurde, war, dass er die alltäglichen Probleme so ins Absurde steigerte, dass jeder sich nicht nur darin wiedererkennen, sondern auch darüber lachen konnte. Und hört man sich die Hesselbach-Dialoge heute noch einmal an, fällt auf, wie ausgesprochen fein sie beobachtet und gearbeitet waren.
Getreu der Schmidtschen Grundthese, dass Kommunikation unter Menschen nicht gelingen kann, schwätzen die Hesselbachs in jeder Folge wieder aneinander vorbei. Vor allem „Babba“ Hesselbach verheddert sich lustvoll in der eigenen Geschwätzigkeit. In „Hesselbachs ihrn Hausschlüssel“ reden sich alle Familienmitglieder bei der Suche nach dem angeblich einzigen Schlüssel mehrfach um Kopf und Kragen, denn jeder versucht, vor dem anderen zu verbergen, dass er heimlich eine Kopie des Schlüssels gemacht hat. Und die Mama hat Gelegenheit, eine ihrer unsterblichen Sentenzen von sich zu geben: „Das ganz Unglück in der Welt kommt nur daher, dass die Leute abends zu lang uffbleibe.“ Einzigartig ist schon das Hessisch, das die Familie Hesselbach und die Angestellten ihrer Firma sprechen. Wolf Schmidt bemerkte dazu: „Es gibt im Hessischen 485einhalb Sorten Dialekte, die alle Hessisch sind.“ Der gelernte Journalist schuf für seine Figuren ein am Idiom der südhessischen Honoratioren angelehntes „Kompromiss-Hessisch“, das nicht nur in ganz Hessen, sondern in der ganzen Bundesrepublik verstanden werden konnte und populär wurde. Die Schauspieler selbst variierten die Mundart – je nach Herkunft, Talent und Charakter ihrer Figuren. So verkörperte Sophie Cossäus als Fräulein Lohmeier in der Fernsehserie mit der Standard-Eröffnung: „Herr Hesselbach, isch muss misch beschwärn“ perfekt die hessische Nörglerin.
Vergeblich hat Schmidt versucht, von der Rolle des „Babba Hesselbach“ wieder loszukommen. 1963 stellte er die Serie nach zwei Staffeln und 42 Folgen im Fernsehen ein, weil er gern auf dem Höhepunkt des Erfolgs aufhören wollte. Eine neue Staffel, die 1966 unter dem Titel „Herr Hesselbach und...“ startete, wurde vom Publikum nicht akzeptiert und nach nur neun Folgen wieder eingestellt. Schmidt erkrankte wenig später an Alzheimer und starb am 17. Januar 1977.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  EPD
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren