Im Gespräch

Donnerstag, 28. Juli 2016

Kirche hat Nachwuchsproblem

Religionssoziologe zu Austritten und leeren Gottesdiensten

Bekannt für seine klaren Analysen: der Freiburger Theologe und Religionssoziologe Michael Ebertz. Foto: Katholische Hochschule Freiburg

Die Zahl der Katholiken und Protestanten in Deutschland ist 2015 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als eine halbe Million auf rund 46 Millionen gesunken. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur äußert sich der Theologe und Religionssoziologe Michael Ebertz von der Katholischen Hochschule Freiburg zu den Ursachen und zu möglichen Strategien für die Kirchen.

Herr Professor Ebertz, wie bewerten Sie die neuen Zahlen zu den Austritten aus der katholischen Kirche?
Zwar gibt es einen deutlichen Rückgang der Austrittszahlen gegenüber dem Vorjahr. Aber darin lässt sich keine Trendwende sehen. Wenn man sich die langjährige Zahlenreihe anschaut, sind mehr als 181000 Austritte ein überdurchschnittlicher Wert. Die Zahl der Kirchenaustritte stabilisiert sich auf hohem Niveau.

Auch der Gottesdienstbesuch geht weiter zurück...
Fast durchgängig bröckelt der Gottesdienstbesuch um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr ab. 90 Prozent der deutschen Katholiken sparen sich die Sonntagsmesse und sehen darin – anders als der Katechismus – keine „schwere Sünde“. Und aus anderen Untersuchungen wissen wir, dass der Gottesdienstbesuch bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland gegen Null tendiert. Die katholische Kirche hat ein massives Nachwuchsproblem. Und das ist europaweit so, sogar in Polen, Irland oder Italien zeigen sich derartige Erosionen.

Da kann man also nur schwarzsehen?
Nein, das ist ja kein Schicksal, signalisiert aber einen Wandel im Kirchenverhältnis: Weg von der normativen oder fremdbestimmten zu einer selbstbestimmten und resonanten Kirchenbindung. Wenn man sich die Statistiken anschaut, werden nicht alle kirchlichen Riten und Glaubensvollzüge abgelehnt. Ausgerechnet die Messe, die vom Klerus als Höhepunkt und Quell kirchlichen Lebens gedeutet wird, verliert dramatisch an Boden. Dagegen finden Riten der Lebenswende wie Erstkommunion, Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen nach wie vor Zustimmung, auch Weihnachtsgottesdienste. Auch wenn es darum geht, Katastrophen wie Terroranschläge oder den German-Wings-Flugzeugabsturz zu verarbeiten, sind die Kirchen gefragt. Es gibt keine andere Institution, die in solchen Situationen als so resonant erlebt wird, also einen solchen Widerhall gibt.

Wie erklären Sie sich den Unterschied?
Es gibt eine regelrechte Schere zwischen den kirchlichen Riten, die allein das Transzendente im Blick haben, und denjenigen kirchlichen Vollzügen, die relevante Bezüge des Lebens mit Transzendenz verbinden. Die Kirche muss also einen Lebensbezug herstellen, eine resonante Verbindung zwischen dem, was den Menschen im Leben wichtig ist, und dem Göttlichen. Die Eucharistiefeiern sind einseitig transzendenz- und kirchenbezogen, zu weit weg vom Leben der Menschen. Im Vergleich zu den anderen Riten fehlt ihnen der Doppelbezug.

Was müsste die Kirche also tun, damit die Messen wieder mehr besucht werden?
Ich glaube, die Sonntagsmesse hatte früher neben ihrem Transzendenzbezug mehr Lebensbezug. Da waren die Kirchgänge zugleich sozialer Treffpunkt und sie sakralisierten die lokale Gemeinschaft. Man sah sich, tauschte Neuigkeiten aus, bestätigte sich in seinen sozialen Zugehörigkeiten. Heute leben die Menschen in so unterschiedlichen sozialen Bezügen und haben ständig Kontakt über Vereine und soziale Medien, so dass die Gottesdienste diese lokale Funktion verloren haben. Aber trotzdem könnten die Gottesdienste weiterhin Bezüge zum Leben herstellen: Wenn etwa Familien eines toten Angehörigen gedenken, wenn Vereine zum Schützenfest einen Gottesdienst gestalten, der Pfarrer eine Predigtreihe zu einem lebensnahen Thema ankündigt oder die Messe musikalisch so gestaltet wird, dass sie profane Identitäten berührt. Die Menschen wollen ihr relevantes profanes Leben gesegnet wissen, in göttlicher Resonanz erleben, dann wird für sie Kirche interessant. Interview: Christoph Arens

Rückgang bei Kirchenaustritten

Die Kirchen schrumpfen weiter. Die Kirchenaustritte gingen im Vergleich zum Vorjahr zwar zurück, doch verharren sie auf hohem Niveau. Katholiken und Protestanten haben zudem ein unübersehbares demografisches Problem.

Die aus Kirchensicht positive Nachricht zuerst: 2015 haben 35800 Katholiken weniger ein Austrittsformular unterschrieben als 2014. Der bisherige Negativrekord lag bei 217716 Austritten im vergangenen Jahr. Die schlechte Nachricht lautet: 2015 kehrten 181925 Katholiken ihrer Kirche den Rücken, sogar ein paar mehr als 2010 im Kontext des Missbrauchsskandals.
Die Austrittszahlen scheinen sich auf hohem Niveau einzupendeln. Da – erstmals zeitgleich – am 15. Juli auch die Protestanten ihre Statistik veröffentlichten, wird deutlich, dass die großen Kirchen trotz unterschiedlicher Problemlagen von ähnlichen Trends betroffen sind: In der evangelischen Kirche liegen die Austrittszahlen 2015 erneut höher als bei den Katholiken. 2015 verließen 210000 Protestanten die Landeskirchen, dies sind 60000 weniger als im Rekordjahr 2014.
Die Katholiken bleiben mit 23,76 Millionen Mitgliedern oder 29 Prozent der Bevölkerung die größte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. Evangelisch sind 22,27 Millionen Menschen oder 27,2 Prozent der Bundesbürger. Deutlich wird, dass die Kirchen auch ein demografisches Problem haben: Bei den Katholiken etwa stehen 167226 Taufen 254260 Beerdigungen gegenüber. Die Zuwanderung gleicht allerdings einiges aus.

Deutlich wird, jedenfalls für die katholische Kirche, dass sich die Sympathie für Papst Franziskus nicht in niedrigeren Austrittszahlen niederschlägt. Auch bei den Kircheneintritten gibt es keine großen Bewegungen: Mit 2685 Eintritten und 6474 Wiederaufnahmen verzeichneten die 27 deutschen Bistümer im zweiten Jahr in Folge einen Zugang unter der Marke von 10000 und damit den zweitniedrigsten Wert seit 1950. Die beiden obersten Repräsentanten reagierten ähnlich: Der Bischofskonferenzvorsitzende, Kardinal Reinhard Marx, und der evangelische Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm betonten, die Kirchen stellten immer noch eine wichtige Kraft in Deutschland dar. Dass mehr als die Hälfte der Bundesbürger „aus Freiheit“ einer Kirche angehörten, sei keinesfalls selbstverständlich, so Bedford-Strohm. Marx zeigte sich zuversichtlich, dass die Kirchen den unterschiedlichen Lebenswelten der Menschen gerecht werden und den Glauben überzeugend weitergeben könnten.

Über die Gründe für die Austrittszahlen lässt sich nur spekulieren. Bislang gibt es keine systematischen Studien. Beobachter wie der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz sprechen von einer generell stark nachlassenden Kirchenbindung: „Immer weniger Menschen kommen überhaupt noch mit Pfarrern oder anderen Vertretern von Kirche in Kontakt“, sagt er. Die Menschen definieren sich nicht mehr über ihre Konfession, der Glaube wird stärker hinterfragt. Meistens geht dem Austritt ein langer Entfremdungsprozess voraus. Dann reicht der Ärger über eine öffentliche Äußerung des Bischofs oder ein Konflikt mit dem Pfarrer vor Ort dafür, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.

Hinweise enthält eine Studie des Bistums Münster: Als erste hatte die westfälische Diözese 2015 eine Marketing-Studie durchgeführt. Danach waren rund 30 Prozent der Katholiken mit ihrer Kirche zufrieden – und ebenso viele unzufrieden. 22 Prozent der Befragten gelten als austrittsgefährdet. Dass vor allem junge Leute mit einem Austritt liebäugeln, legt eine evangelische Studie von 2014 nahe: Demnach erwägen in Westdeutschland rund 40 Prozent der unter 21-Jährigen und 25 Prozent der 21- bis 29-Jährigen einen Austritt. (kna)

Statistik 2015 des Bistums Speyer
Katholikenzahl: 545425 (550474)
Gottesdienstbesuch: 8,5 (9,3) Prozent
Taufen: 3328 (3377)
Trauungen: 976 (1001)
Bestattungen: 6484 (6367)
Eintritte: 62 (50)
Wiederaufnahmen: 124 (150)
Austritte: 4474 (5473)
(In den Klammern stehen die entsprechenden Zahlenwerte des Jahres 2014.)

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