Im Gespräch

Donnerstag, 27. September 2018

Kirche muss auch Strukturen ändern

Erschrecken nach Missbrauchsstudie im Auftrag der Bischöfe

Stellten in Fulda das Ergebnis der von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie vor (von links): Professor Harald Dreßing, Kardinal Reinhard Marx und Bischof Stefan Ackermann. Foto: KNA

Seit Wochen werden die Täter-Zahlen in den Medien kommentiert. Nun wurde die Studie über Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche vorgestellt. Das Interesse war so groß wie das Erschrecken.

Professor Harald Dreßing befasst sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit Straftaten im Umfeld des sexuellen Missbrauchs. Der 61-Jährige kennt alle Varianten von Übergriffen und spricht auch über schwere Straftaten ruhig und mit professioneller Distanz. Doch selbst Dreßing äußert sich „erschüttert“ über das, was die von ihm geleitete, umfangreiche Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche zutage gefördert hat. Das betrifft vor allem den Umfang und die Schwere der Straftaten. Die gefundenen 3 677 Betroffenen und 1 670 Beschuldigten aus Akten der Jahre 1946 bis 2014 sieht er nur als „Spitze des Eisbergs“.
Die Ergebnisse der Studie legten nahe, dass es in der Kirche Strukturen gegeben habe und gebe, die Missbrauch begünstigen, sagt Dreßing. „Dazu gehören der Missbrauch klerikaler Macht, aber auch der Zölibat und der Umgang mit Sexualität, insbesondere mit Homosexualität“. Auch die Rolle der Beichte müsse überdacht werden, so der Psychiater.
Rund 200 Journalisten verfolgten am Dienstag in Fulda Dreßings Ausführungen; auch ausländische Korrespondenten waren akkreditiert. Die Resultate der Studie werden international beachtet, weil die katholische Kirche in Deutschland in der Weltkirche eine exponierte Rolle einnimmt.

Debatte um Konsquenzen
Hinzu kommt die Rolle des Bischofskonferenz-Vorsitzenden, Kardinal Reinhard Marx, im Vatikan. Im Neuner-Rat der Kardinäle, die Papst Franziskus beraten, ist er einer der Wortführer. Es war daher nicht überraschend, dass Marx das Kirchenoberhaupt vorab über die Ergebnisse der Studie unterrichtete. Zeitgleich ließ die Deutsche Bischofskonferenz eine Übersetzung ins Englische und Italienische anfertigen. Zudem kündigte Marx in Fulda an, die deutschen Bischöfe würden bei der im Oktober in Rom tagenden Synode zum Thema Jugend das Thema erneut ansprechen.
Die Bischöfe haben in Fulda am Dienstag mit einer langen Debatte über Ergebnisse und Konsequenzen aus der Forschungsarbeit begonnen. Die Stimmung wurde von Beobachtern als „angespannt“ beschrieben. Nachdem es in den vergangenen Wochen zunächst kritische Stimmen in Richtung der Medien gegeben hatte, weil diese die offizielle Veröffentlichung nicht abgewartet hatten, richtet sich nun der Blick in die eigenen Reihen. Zentrale Figur neben dem Vorsitzenden Marx ist der Trierer Bischof Stephan Ackermann.

Gespräch mit Opfern suchen
Er hat seit acht Jahren als „Missbrauchsbeauftragter“ unermüdlich dafür geworben, das Thema ernst zu nehmen. Bei der Vorstellung des Forschungsberichts sagte Ackermann nüchtern: „Ich habe das Ergebnis leider erwartet.“ Zugleich kündigte er an, er werde den „Weg der Bekämpfung des Missbrauchs beharrlich fortsetzen“.
Ackermanns Einfluss auf andere Bischöfe ist kirchenrechtlich minimal. Dennoch hat er durch die Studie mehr denn je eine Schlüsselrolle. Von ihm werden nun Vorschläge erwartet. Außer dem erneuten Freischalten eines zentralen Beratungstelefons will Ackermann noch etliche Maßnahmen anregen. Dazu zählt die konsequente Anwendung der bereits bestehenden Richtlinien zur Missbrauchs-Prävention, die laut Studie noch immer nicht in allen Bistümern umgesetzt wurden. Handlungsbedarf besteht auch bei der Bereitschaft der Bischöfe, sich mit Opfern zu treffen. Was die Päpste seit 2008 bei vielen Auslandsreisen getan haben, haben bislang nur wenige deutsche Bischöfe nachgemacht.

Frage nach Verantwortung
Als weitere Schritte stellte Ackermann in Fulda eine Verbesserung der Entschädigungs-Zahlungen in Aussicht. Marx ergänzte, man werde auch über die Schaffung von „Wahrheits-Kommissionen“ nachdenken, um nach der Erforschung nun auch die Aufarbeitung des Geschehens voranzubringen.
Den heikelsten Punkt in der Debatte können allerdings nur die einzelnen Bistümer eigenverantwortlich umsetzen. Es ist die Beantwortung der Frage, welche Bischöfe, Generalvikare und Personalleiter in welchem Umfang mitschuldig wurden, indem sie Strafverfolgung vereitelt haben. Auch die früher gängige Praxis der Versetzung von Tätern in andere Pfarreien oder Bistümer gehört in diesen Kontext.

Institution wichtiger als Opfer
Marx erklärte: Allzulange sei in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden. Der Schutz der Institution sei höher gewertet worden als der Schutz der Opfer. „Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich! Wir haben den Opfern nicht zugehört.“ Die Kirche müsse neues Vertrauen aufbauen: „Ich verstehe viele, die sagen: Wir glauben Euch nicht.“

Keine Rücktritte
Bei der Vorstellung der Studie bekannte Marx eigene Schuld als Priester und Bischof. Auch er habe das Geschehene nicht wahrhaben wollen, habe „nicht zugehört und weggeschaut“.
Für die Zukunft kündigte Marx an, dass die katholische Kirche über eine Änderung des Kirchenrechts nachdenken sollte, um mehr Gewaltenteilung zu schaffen, um damit bessere Kontrollmechanismen in der Kirche zu ermöglichen. Die Journalistenfrage nach möglichen Rücktritten von einzelnen Bischöfen wegen eigenen Versagens oder Fehlverhaltens beantwortete Marx nach der Vorstellung der Studie jedoch mit einem klaren „Nein“. (Ludwig Ring-Eifel)

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