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Mittwoch, 13. Mai 2020

Krude und gefährlich

Ein Papier von Kirchenleuten zur Corona-Krise sorgt für Empörung

Seinen Spitzenjob in der Kirche ist er längst los, aber zu Wort meldet er sich immer noch oft und gern: Kardinal Gerhard Ludwig Müller. (Foto: kna/Francesco Pistilli)

Deutsche Bischöfe reagieren entsetzt und kritisieren die Unterzeichner des Papiers scharf.
Auch geraume Zeit nach Veröff entlichung des umstrittenen Textes kocht die Debatte. Kein Wunder, das Dokument stammt aus der Feder führender Kirchenmänner und beansprucht, nichts Geringeres zu formulieren als die Wahrheit: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ steht auf Latein über dem „Aufruf für die Kirche und für die Welt“. Nach wachsender Kritik, nicht zuletzt von der Deutschen Bischofskonferenz, hat Kardinal Gerhard Ludwig Müller seine Unterschrift unter den Text verteidigt. Initiator ist der italienische Erzbischof Carlo Maria Vigano (79), der zu den schärfsten Kritikern von Papst Franziskus zählt und diesen sogar schon zum Amtsverzicht aufgefordert hatte. Allerdings: Der frühere Papstbotschafter in den USA hat kein Kirchenamt mehr inne. Auch Kardinal Müller ist seinen Job als Chef der Glaubenskongregation los, seit Franziskus 2017 seine Amtszeit nicht verlängert hat. Ihr Schreiben ist gespickt mit Behauptungen, Mutmaßungen und Unterstellungen. Fakten oder Beweise sind rar. Sie warnen, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine „Weltregierung“ zu schaff en, „die sich jeder Kontrolle entzieht“. Und sie schreiben: „Wir glauben auch, dass in einigen Situationen die Eindämmungsmaßnahmen, einschließlich der Schließung von Geschäften und Betrieben, (...) ergriff en wurden, um eine Einmischung von fremden Mächten zu begünstigen.“

„Kampf-Rhetorik“
In sozialen Medien zog der Aufruf sofort Kreise. Als einer der ersten Kirchenvertreter in Deutschland schaltete sich Essens Generalvikar Klaus Pfeff er ein. Auf Facebook zeigte er sich „fassungslos, was da im Namen von Kirche und Christentum verbreitet wird: Krude Verschwörungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampf-Rhetorik, die beängstigend klingt“. Die Deutsche Bischofskonferenz reagierte mit dem Hinweis, sie kommentiere keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands. „Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet“, so der Konferenz- Vorsitzende Bischof Georg Bätzing. Weitere Oberhirten stützen die Kritik. Bischof Gebhard Fürst aus Stuttgart spricht von gefährlichen Theorien „konservativer katholischer Würdenträger“ und warnt vor einem Spiel mit dem Feuer. Magdeburgs Bischof Gerhard Feige moniert: „Manche extremen Kirchenvertreter gebärden sich als Pseudowissenschaftler, Impfgegner und Esoteriker.“

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