Geistliches Leben

Freitag, 27. Oktober 2017

Lebensleiter steht sicher in Gott

Alle Menschen sehnen sich nach Halt, Sicherheit und Sinn – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 22, 34–40 von Pastoralreferentin Annette Schulze

Im neuen Gotteslob ist mir eine Leiter aufgefallen. Ohne Boden und ohne Wand steht sie neben dem Lied Nummer 404 einfach in der Luft. Angenommen, wir nehmen diese Leiter als Bild für unseren Glauben, dann gehört die Frage nach ihrem Fundament und Halt zu den wesentlichen, die wir uns stellen müssen. Im heutigen Evangelium wird Jesus nicht nach einer Leiter, wohl aber nach ihrer Grundlage gefragt. Diese Frage nach dem wichtigsten Gebot stellt sozusagen den ultimativen Test für Jesus dar. Mit seiner Antwort soll er beweisen, dass er fest auf dem Grund des jüdischen Glaubens steht.

Zu allen Zeiten haben Menschen die Unsicherheiten des Lebens erfahren und nach Antworten auf ihre Fragen gesucht. Auch zur Zeit Jesu gab es unterschiedliche Wege, Gott und die Welt zu erklären. Die Sadduzäer, von denen am Anfang unseres Textes kurz die Rede ist, brachte Jesus zum Schweigen – Luther übersetzt ganz deutlich: „Er hat ihnen das Maul gestopft“ – indem er ihnen auf die Frage nach der Auferstehung antwortet, dass Gott „nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ ist. Den Pharisäern ging es vor allem um die strenge Einhaltung der Gebote. Der Neutestamentler Eduard Lohse beschreibt, dass sie einen Zaun um das Gesetz zogen, um nicht aus Versehen eines der Gebote zu übertreten. Sie vertrauten darauf, als Gerechte vor Gott erlöst zu sein. Jesus und seine Verkündigung sahen sie kritisch, weil er sich ganz offensichtlich allen Menschen zuwandte und den Menschen über das Gesetz stellte.

Nun fragen sie also Jesus nach dem wichtigsten Gebot, und er antwortet ihnen mit der Mitte des jüdischen Glaubens als Grundlage seiner frohen Botschaft. „Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ Diese Worte sind den Pharisäern wohl vertraut. Nicht vertraut ist ihnen die Haltung, die Jesus aus dem ersten Gebot ableitet. Dass es ihm darum geht, sich selbst ganz – mit Kopf, Herz und Händen – Gott zu überlassen. Daneben stellt Jesus das zweite Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ An diesen beiden Geboten macht er die ganze Schrift fest. Anders ausgedrückt: Auf dem Grund dieser beiden Gebote steht die Leiter des Glaubens und des Lebens sicher.

Was fangen wir nun mit dieser Antwort Jesu an? Wir fragen nicht unbedingt nach dem wichtigsten Gebot. Aber nach Halt und Sicherheit und Sinn sehnen wir uns auch. Ein Leben lang suchen wir danach in Freundschaften, in der Partnerschaft, im Beruf, und manchmal finden wir da auch Halt, Zufriedenheit und Glück – wenigstens für eine Weile.

Aber was trägt uns, wenn der Boden unter unseren Füßen wegbricht? Wenn wir nicht wissen, ob unser Kind den Unfall überlebt, wenn uns von heute auf morgen unsere Selbstständigkeit genommen wird, auf welchem Grund steht unser Leben dann?

Das Fundament unseres Lebens trägt nicht, wenn wir nur auf uns bauen. Wenn wir versuchen, allein aus unserer Kraft die Welt zu retten – oder einen anderen Menschen oder uns selbst. Dann gehen wir unter oder brennen aus. Aber als Christinnen und Christen haben wir eine andere Kraftquelle, die uns in Höhen und Tiefen bestärken kann. Wir können uns an Gott festmachen und uns tragen lassen, wo nichts sonst mehr trägt. Jesus nennt als Fundament nicht das Gesetz, sondern die Liebe. Für dieses Fundament muss ich nichts leisten oder beweisen. Gott macht es mir zum Geschenk und trägt mich, wo immer ich mich in den Scherben meines Lebens zu verlieren drohe. Er ist da und geht mit, auch, wenn der Weg mich ans Kreuz führt.

Genau diesen Weg ist Gott in Jesus gegangen. Diesen Weg kennt er aus eigener Erfahrung. Er fragt mit mir nach dem „Warum?“ und hält die Fragen und den Schmerz mit mir aus. Er begleitet mich in die Verzweiflung und in den Tod und ruft mich heraus aus dem Grab in ein neues Leben.

Vielleicht sagen Sie jetzt, das alles hilft doch nicht, wenn jemand wirklich von einem Schicksalsschlag getroffen wird. Und sicher haben Sie recht: Es ist kaum vorstellbar, was Menschen aushalten müssen – an Schmerz und Leid, an Einsamkeit, an Gewalt. Andererseits aber erlebe ich Menschen, die mir von ihrem Glauben erzählen und von den Erfahrungen, die sie gemacht haben und im Glauben deuten. Dass in den Monaten auf der Intensivstation jemand da war, der zuhörte. Dass auf dem langen Weg der Genesung immer wieder jemand ein Mut machendes Wort gesagt oder ihnen eine Hand gereicht hat. Dass ihnen in diesen Begegnungen Gott nah gekommen ist und ihnen in ihrem Dunkel ein Licht aufgegangen ist.

Auf dem Fundament der Liebe, die uns geschenkt ist von Anfang an, können wir uns mit Kopf, Herz und Händen Gott überlassen – und lieben. Ob wir zuhören und schweigen, Tränen trocknen oder sie mitweinen, eine Hand reichen oder sie wieder loslassen – oder ob wir auf uns schauen und versuchen, auch uns selber gerecht zu werden – wir können unser Leben miteinander aushalten und gestalten, weil unsere Lebensleiter sicher steht – sicher in Gott und in der Liebe.

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