Kirche und Welt

Donnerstag, 22. September 2016

„Lebensschutz ist überparteilich“

„Marsch für das Leben“ in Berlin auf Distanz zur AfD

Rund 7000 Menschen aus allen Teilen der Bundesrepublik waren zum „Marsch für das Leben“ nach Berlin gekommen. Foto: KNA

Der „Marsch für das Leben“ ist alljährlich die Veranstaltung, mit der Christen in Berlin am meisten provozieren. In diesem Jahr konnten Gegendemonstranten weniger stören als sonst; dafür gab es eine neue Herausforderung.

Parteipolitik drohte den zwölften „Marsch für das Leben“ im Zentrum Berlins zu überschatten. Im Jahr 2015 war die skandalträchtige AfD-Vize-Bundesvorsitzende Beatrix von Storch an vorderster Front mitgelaufen. In den Sozialen Netzwerken häuften sich daher in den Tagen vor der Kundgebung die Warnungen vor einer parteipolitischen Instrumentalisierung des diesjährigen „Marsches“. Der Bundesverband Lebensrecht (BVL), ein Zusammenschluss von 13 Lebensschutzorganisationen, war sichtlich bemüht, es nicht dazu kommen zu lassen.

„Lebensschutz ist überparteilich“, betonte der BVL-Vorsitzende Martin Lohmann beim Auftakt des Marsches vor dem Reichstagsgebäude. „Niemand hat das Recht, uns zu instrumentalisieren oder zu diskreditieren“, warnte der Publizist. Auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch, dessen erstmalige Teilnahme an der Kundgebung besonders kritisch kommentiert wurde, bekräftigte am Rande, er lasse sich nicht parteipolitisch vereinnahmen. Wer sich für ein positives Anliegen engagiere, müsse das oft auch mit Unterstützern tun, deren Positionen er teilweise ablehne. Die umstrittene Politikerin von Storch erschien unterdessen bei der Veranstaltung und platzierte sich in der ersten Reihe der Zuhörer.

Zusammen mit den Teilnehmern verschiedener Konfessionen aus ganz Deutschland konnte sie wie in den vergangenen Jahren teils eindringliche Schilderungen von Menschen mit schwerstbehindertem Kind oder todkranken Ehepartner erleben und hören, wie sie dennoch nicht daran verzweifeln. „Conny“, eine junge Frau aus Erlangen, erzählte, wie sie trotz Down-Syndroms bei der Verkehrspolizei Büroarbeiten bewältigt.

Unter den Teilnehmern beim „Marsch für das Leben“ waren fünf katholische Diözesan- und Weihbischöfe, so viele wie nie zuvor. Gekommen waren Erzbischof Heiner Koch (Berlin) und Bischof Rudolf Voderholzer (Regensburg) sowie die Weihbischöfe Matthias Heinrich (Berlin), Dominikus Schwaderlapp (Köln) und Florian Wörner (Augsburg). Evangelische Bischöfe nahmen nicht teil. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald) und Frank Otfried July (Stuttgart) sandten wie mehrere Unionspolitiker schriftliche Grußworte.

Koch und Voderholzer wandten sich bei der Kundgebung auch vom Podium an die Teilnehmer. So rief Erzbischof Koch zum Einsatz dafür auf, „dass jeder Mensch sein Leben gut entfalten kann, vom ersten Augenblick im Mutterschoß an bis zum letzten Atemzug“. Er wandte sich dagegen festzulegen, „welches Leben ab wann lebenswert ist“. Für Christen gelte: „Wir setzen keine Grenzen, wir errichten keine Mauern des Lebens, nicht an den Grenzen Europas, nicht an den Grenzen der Kulturen und Religionen, nicht an den Grenzen des Alters, der Krankheit, des Behindert-Seins oder des sterbenden Lebens.“

Ausdrücklich nannte Koch „die Flüchtlinge und die Leistungsschwachen, die Menschen in Aleppo und in den Todeszellen der Gefängnisse dieser Welt“. Zudem fragte er die Zuhörer mit mahnenden Worten: „Helfen wir den Menschen, gut ihr Leben zu entfalten – auch den Andersdenkenden, denen, die andere Lebensweisen wählen, auch denen, die uns ablehnen?“

Voderholzer rief dazu auf, „für eine Kultur des Lebens einzutreten“. Er würdigte die Teilnehmer des Marsches als „Lobbyisten des Lebens“. Voderholzer betonte: „Wir sind nicht gegen jemanden, sondern für das bedingungslose Lebensrecht jedes Menschen.“ Dafür sei der Marsch „ein friedliches und besorgtes Zeichen.“ Der Bischof verwies auch auf das vielfältige Angebot kirchlicher Einrichtungen zum Schutz des Lebens. Unter anderem nannte er Angebote zur Beratung und Unterstützung von Familien sowie Sterbebegleitung etwa in Hospizen.

Unterschiedlich waren erneut die Schätzungen der Teilnehmerzahlen bei Veranstaltern und Polizei. Der BVL gab mehr als 7500 an und demnach 500 mehr als im Vorjahr; die Polizei sprach von zuletzt von rund 6000. Überdies konnten Gegendemonstranten – auch wegen einer aufmerksamen Polizei – weit weniger behindern als 2015. Nur vereinzelt gab es die angekündigten Stinkbomben und störte Trommelwirbel die Ansprachen. (Gregor Krumpholz)

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