Im Gespräch

Donnerstag, 22. Juni 2017

Letzte Ruhestätte bei Friedenskirche

Europäischer Staatsakt für Helmut Kohl in Straßburg. Requiem im Speyerer Dom. Letzte Ruhestätte im Schatten der deutsch-französischen Friedenskirche St. Bernhard

Auf dem Friedhof bei der deutsch-französischen Friedenskirche St. Bernhard wird Helmut Kohl seine letzte Ruhestätte finden. Das Grab wird jedoch auch vom benachbarten Adenauer-Park her zugänglich sein. Foto: KNA

Es gibt Stunden, in denen sich Geschichte verdichtet, in denen (nochmals) hell aufleuchtet, welche Bedeutung ein einzelner Mensch, sein Lebenszeugnis, sein politisches Wirken und das Ergreifen einer historischen, vielleicht einmaligen Chance für den Lauf der Geschichte und die Zukunft eines ganzen Volkes haben kann.
Solche Stunden erwarten uns ohne Zweifel, wenn es für den am 16. Juni in Ludwigshafen verstorbenen Bundeskanzler Helmut Kohl erstmals in der Geschichte der EU einen Europäischen Trauerakt geben wird. Dieser wird am 1. Juli (Samstag) im Europäischen Parlament in Straßburg den „großen Europäer“ würdigen, wie das mit dem Bundesinnenministerium für die Trauerfeierlichkeiten offiziell zuständige Bundespräsidialamt am Abend des 20. Juni in Berlin mitteilte. Viele führende Politiker Europas, vor allem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, haben sich für diese herausragende Ehrung Helmut Kohls eingesetzt.  Dieser war bereits 1998 für seine Verdienste um Europa mit einer europäischen Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet worden. „Helmut Kohl hat das europäische Haus mit Leben erfüllt, nicht nur, weil er Brücken nach Westen wie nach Osten gebaut hat, sondern auch, weil er niemals aufgehört hat, noch bessere Baupläne für die Zukunft Europas zu entwerfen“, würdigte Juncker Kohl kurz nach dessen Tod.

Requiem im Speyerer Dom
Im Speyerer Dom, der für Helmut Kohl immer „ein Stück Heimat“ war, wird im Anschluss an den Europäischen Trauerakt in Straßburg ein feierliches Requiem  für den Verstorbenen gefeiert. Danach werde es ein militärisches Abschiedszeremoniell geben. „Auf Wunsch der Witwe des Verstorbenen wird es keinen zusätzlichen nationalen Staatsakt geben“, heißt es in der Erklärung des Präsidialamtes.
Der Speyerer Dom war Helmut Kohl wichtig wie vielleicht kein anderer Ort. „Seit meiner Kindheit ist der Speyerer Dom für mich Hauskirche“, schreibt er in seinen Memoiren. In Speyer verbrachte er als Schüler zwei Kriegsjahre am Kaiserdom-Gymnasium – und erlebte dabei das romanische Gotteshaus sogar als Schutzraum bei Fliegerangriffen. Als Bundeskanzler machte Kohl den Kaiserdom und das eher beschauliche Speyer zwischen 1984 und 1999 zu einer „Weltbühne“, wie derzeit eine Ausstellung des Historischen Museums der Pfalz zeigt. Großformatige Fotografien dokumentieren 19 Staatsbesuche und Großereignisse: Politiker wie Michail Gorbatschow, George Bush, Margaret Thatcher, Jacques Chirac oder das Königspaar Juan Carlos und Sophia von Spanien führte der Kanzler in „seinen“ Dom.

Symbol für die Einheit Europas
Das romanische Gotteshaus war ihm persönlich Heimat und als christlicher Politiker Symbol für die Einheit Europas. „Jeder Stein spricht von Europa, seiner Geschichte und seinem Auftrag“, sagte er oft gegenüber seinen Gästen. Seine Vision von Europa war dabei ohne das christliche Erbe nicht denkbar. Von daher versteht sich auch sein Einsatz für die Versöhnung zwischen den Völkern des europäischen Kontinents und die Vertiefung der Freundschaft gerade zu Frankreich. Die Versöhnungsgeste zwischen Helmut Kohl und Frankreichs Präsident François Mitterrand im September 1984 über den Gräbern von Verdun wird unvergessen bleiben.
Auch die wohl schwerste Stunde im Leben von Helmut Kohl verbindet sich mit dem Speyerer Dom, als er hier am Sarg seiner Frau Hannelore betete.  „Wer mich verstehen will, muss auf meine Herkunft schauen“, hat Bundeskanzler Kohl einmal betont, der sich in allen politischen Ämtern immer offen zu seinem Glauben bekannte. Auch dieses Bekenntnis gehört – gerade mit Blick auf die zunehmende Entchristlichung unserer Gesellschaft – zu seinem Vermächtnis an uns.

Beisetzung bei Friedenskirche
Helmut Kohl wird auch in Speyer beigesetzt – im Schatten der deutsch-französischen Friedenskirche St. Bernhard und in direkter Nachbarschaft zum Adenauer-Park, dessen Name an den ersten großen Vorgänger im Amt des Bundeskanzlers erinnert. Die Speyerer Grabstätte befindet sich am Rande des Friedhofs, auf dem traditionell die Speyerer Domkapitulare ihre letzte Ruhestätte finden. Der letzte Ruheort Kohls verbindet sich mit einem seiner großen Lebensziele, der Versöhnung und Freundschaft zwischen dem deutschen und französischen Volk, deren „Erbfeindschaft“ im Laufe der Geschichte so großes Leid über den europäischen Kontinent gebracht hatte. Der Friedhof befindet sich in direkter Nachbarschaft zur Friedenskirche St. Bernhard, die deutsche und französische Christen 1953/1954 gemeinsam als Zeichen der Versöhnung erbauten – zehn Jahre vor Abschluss des „offiziellen“  deutsch-französischen Freundschaftsvertrages 1963.

Deutsch-französische Versöhnung
Zur Grundsteinlegung 1953 kamen mit Heinrich von Brentano und Robert Schuman nicht nur die Außenminister beider Länder, sondern auch Konrad Adenauer. Der erste Kanzler, für Kohl ein Vorbild, sagte damals, jeder solle sich an seinem Platz für Frieden und Freiheit einsetzen. Es ging um das Symbol für ein neues, ein friedliches Europa.
Unter dem Altarraum der schlichten Bernhardskirche befindet sich ein kleiner kreisrunder Gottesdienstraum. In den Wandnischen der Pax-Christi-Kapelle ist Erde aus allen Kontinenten eingelassen – beispielsweise aus Nagasaki, von einem Soldatenfriedhof des Kursker Bogens in Russland, aus Auschwitz, von der Danziger Westerplatte oder von französischen Kriegsfriedhöfen. Bei den regelmäßigen Gottesdiensten in der Kapelle wird um Kraft gebetet, Wege des Friedens zu gehen. Auch dieses Anliegen passt gut zu Helmut Kohl. (Norbert Rönn)

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