Kultur

Mittwoch, 20. September 2017

Löwenherz-Ausstellung widmet sich einem Mythos

Die Schau wirft auch kritische Blicke auf den englischen Köing

Der Trifels bei Annweiler. Foto: Christian Fernandez (www.fabelhaftes-weinland-pfalz.de)

Die große Überraschung kommt ganz am Schluss: Selbst Königin Elizabeth II. hat es sich nicht nehmen lassen, ein Exponat zur Speyerer Ausstellung „Richard Löwenherz. König - Ritter - Gefangener“ beizusteuern: Es ist eine kleine Kopie jener großen Statue vor dem englischen Parlamentsgebäude, die ihre Ururgroßmutter Königin Victoria ihrem Ehemann Albert geschenkt hatte. Schöpfer beider Werke ist der italienische Künstler Carlo Marochetti, der einen tapferen, kraftvollen und charismatischen Herrscher zeigt.

Genau solche idealisierten Heroenbilder sind es, die Richard Löwenherz schon zu Lebzeiten zu einer Ikone machten – und die in krassem Widerspruch zu der Einschätzung stehen, die die Geschichtswissenschaft von ihm zeichnet. Denn die Forscher sahen in ihm eher einen schlechten König, der sein Reich vernachlässigte, ihm fast unzumutbare finanzielle Bürden zumutete und seinen privaten Ruhm stets über die Interessen des Landes stellte.

Das ändert nichts daran, dass die öffentliche Wahrnehmung eine ganz andere ist – zu Richards Lebzeiten wie auch heute. Das Historische Museum der Pfalz geht in seiner Sonderausstellung, die auch Landesausstellung ist,  bis 15. April 2018 dem Spagat der Einschätzungen nach. Seit dem 17. September ist die Schau für das Publikum   geöffnet. Die Speyerer haben 180 Exponate von 77 Leihgebern aus sieben Ländern zusammengetragen, um das Leben eines der bekanntesten Könige des Mittelalters zu beleuchten.

Und das geschieht chronologisch. Richard Biografie wird eingebettet in seine Herkunftsfamilie. Schon früh wurde er Herzog von Aquitanien und mit 32 Jahren in Westminster zum englischen König gekrönt. Doch es ist weniger seine Präsenz als seine Abwesenheit, die sein Bild prägte. Denn Löwenherz brach zügig Richtung Heiliges Land auf, um sein schon früh abgelegtes Kreuzzugsgelübde zu erfüllen.

In der Ausstellung wird das, typisch für das Historische Museum, mit einem Bildschirm illustriert, auf dem fortlaufend twitterartige Kurznachrichten Richards von seiner Reise eingeblendet werden. Hinter den Texten ist eine Landkarte zu sehen, die den jeweiligen Tweet verorten.

Auf seinem Heimweg wurde Richard nahe Wien vom österreichischen Herzog Leopold V. gefangengenommen – obwohl das eindeutig gegen die Regeln verstieß. Kreuzfahrer genossen uneingeschränkten Schutz der Päpste. Leopold V. hätte sich auch nicht getraut, wenn er nicht Kaiser Heinrich VI. und König Philipp II. August von Frankreich als weitere Gegner Richards an seiner Seite gewusst hätte.

Über mehrere Stationen seiner rund 400-tägigen Gefangenschaft landete Löwenherz schließlich auf Burg Trifels, etwa 40 Kilometer westlich von Speyer. Natürlich nimmt dieser Teil in Richards Leben einschließlich der Erfüllung einer horrenden Lösegeldforderung breiten Raum in der Ausstellung ein.

In der Zeit danach, seinen letzten fünf Lebensjahren, musste sich Richard bei Rückeroberungen vor allem um das kümmern, was während seiner Abwesenheit aus dem Ruder gelaufen war. Schließlich herrschte er über ein Reich, das nicht nur England, sondern auch den Westen Frankreichs bis zu den Pyrenäen umfasste. Rund zwei Drittel des englischen Königreichs lagen auf dem Festland. Von Brexit keine Rede.

Der Mittelalterhistoriker Stefan Weinfurter versuchte bei der Ausstellungspräsentation eine Antwort auf die Frage, warum Richard trotz eher bescheidener Erfolge zum Helden avancierte. Er nannte Löwenherz den Idealtyp der Ritterkultur: groß, blond, blauäugig; ein Mann, der laut den Quellen „mit dem Schwert umgehen konnte wie kein Zweiter“.

Immer habe Richard vorne gestanden, sei als einer der ersten in den Kreuzzug gegangen. „Er war immer im Mittelpunkt; Eine Idealgestalt, die mit allen europäischen Herrscherhäusern verwandt war.“ Ganz entscheidend sei gewesen, so Weinfurter, dass die Epoche dafür geschaffen war, einen Mythos hervorzubringen.

Bis heute untrennbar verbunden mit Richard Löwenherz ist die Legende von Robin Hood, der im Sherwood Forest sehnsüchtig die Rückkehr von Richard erwartet und dessen Bruder bekämpft. Um dem Mythos vollends gerecht zu werden, plant das Museum der Pfalz ab 12. November zusätzlich eine Familienmitmach-Ausstellung. Das Thema: Robin Hood. (Michael Jacquemain)

Informationen

Öffnungszeiten: Das Historische Museum der Pfalz (Domplatz 4) in Speyer ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. An Feiertagen ist das Haus generell – auch montags – geöffnet.
Die Ausstellung „Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener“ ist bis  15. April 2018 zu sehen.
Katalog zur Ausstellung: 416 Seiten, 24,90 Euro.
Besucherservice: 06232/620222; hier können auch Gruppenführungen gebucht werden.
E-Mail:info@museum.speyer.de
Internet:www.museum.speyer.de

„Als berühmtester Gefangener des Mittelalters verbrachte der englische König rund 14 Monate in der Region am Oberrhein, auf dem Trifels, in Hagenau, Speyer, Worms und Mainz. Wenn der Aufenthalt auch unfreiwillig war, so ist Richard Löwenherz dadurch doch für alle Zeiten mit unserer Landesgeschichte verbunden. Über 800 Jahre nach seiner Gefangenschaft kehrt Richard Löwenherz nun gewissermaßen zurü̈ck.“ (Dr. Alexander Schubert)



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