Geistliches Leben

Mittwoch, 20. Februar 2019

Maßstab ist Gottes Barmherzigkeit

Gedanken zum Lukas-Evangelium 6, 27–38 von Theo Wingerter

Jesu Worte geben uns Orientierungen für unser Leben. „Mit der Bibel unter dem Arm kann man keine Politik machen.“ So oder ähnlich formulierte es in den siebziger Jahren ein deutscher Bundeskanzler. Unser heutiges Evangelium – aus der „Feldrede“ des Lukas – scheint dies zu bestätigen. Manche der Weisungen Jesu lösen unser Erstaunen aus. Andere erschrecken uns oder rufen unseren Protest hervor. Die Worte Jesu stehen im Gegensatz zu dem, was in der Welt weithin praktiziert wird. Sie eignen sich nicht dazu, in konkrete politische Maßnahmen und Gesetze umgesetzt zu werden.


 „Dem, der den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd“. So lautet eines der Worte Jesu. Würde seine Forderung in der Politik wörtlich genommen, dann hätte dies im zwischenstaatlichen Bereich verheerende Folgen. Die Weltordnung käme ins Wanken. Wenn z.B. ein mächtiger Staat einen schwächeren überfällt und einen Teil des fremden Territoriums besetzt, dann müsste dem Aggressor kampflos das ganze Land überlassen werden. Gegen ein solch schreiendes Unrecht wehrt sich nicht nur unser Rechtsempfinden.
Sich schutzlos einem Feind ausliefern? Eine Zumutung und weltfremde Utopie! Oder ein falsches Verstehen der Feldrede Jesu? Auch wenn der Hintergrund des biblischen Beispiels berücksichtigt wird, bleibt uns die völlig andere Denkweise Jesu schwer zugänglich. Zur Zeit Jesu war in Palästina der Mantel für arme Leute zugleich die Unterkunft für die Nacht und bedeutete einen gewissen Schutz vor Kälte und wilden Tieren. „Nun auch noch das Hemd“  herzugeben, hieße sich hilflos den Gefahren der Nacht auszusetzen. Wer auf einen solchen Schutz verzichtet, gibt sich selbst auf, damals wie heute.
Liefert man sich nicht auch einem Angreifer aus, wenn man „dem der dich auf die eine Wange schlägt“, auch die andere hinhält? Der Stärkere in Staat und Gesellschaft würde sich auf Kosten des Schwächeren rücksichtslos durchsetzen. Das sind nur zwei Beispiele für die Schwierigkeit, die Weisungen Jesu wortwörtlich zu nehmen.  


Und doch! Wenn ich dem Angreifer mit gleicher Münze heimzahle, führt dies häufig zu einer Spirale der Gewalt. Im übertragenen Sinn „die andere Wange“ hinhalten kann aber auch zur Folge haben, dass der Gewalttätige zum Nachdenken gebracht wird und er auf weitere Gewaltanwendung verzichtet. Das Risiko für den Angegriffenen bleibt bestehen. Er kann es eingehen, wenn er aus einer inneren Stärke heraus und frei von Angst handelt. Hier besteht die Chance, dass mit Hilfe eines Dritten, eines Mediators, beide Konfliktparteien miteinander ins Gespräch kommen und die Gründe für das Verhalten des anderen verstehen. Dann könnte ansatzweise der Streit gelöst werden. Eine Hoffnung – aber keine Garantie!
Die Theologen aller Jahrhunderte haben darum gerungen, die „Feldrede“ Jesu richtig zu interpretieren. Ein wörtliches Verstehen erweist sich als nicht realisierbar. Als Rezepte für politische Entscheidungen können sie nicht gelten.
Wo Menschen jeweils innerhalb ihrer Grenzen und Möglichkeiten jedoch den Weisungen Jesu gemäß handeln, verwirklichen sie punktuell etwas vom Reich Gottes. Ihr Einsatz für Liebe und Gerechtigkeit, für Frieden und eine bessere Welt trägt bereits hier dazu bei, nach dem Willen Gottes die Welt zu verändern. Vor dieser Verantwortung vor Gott können wir uns nicht drücken. Darum bleiben die Worte Jesu eine ständige Herausforderung für jeden Christen, ihnen im Alltag nahe zu kommen. Er ist immer gerufen, im Geist der Weisungen Jesu selbstverantwortlich und situationsgerecht zu entscheiden und entsprechend zu handeln. Hier kann ihm keine Kirche oder andere Autorität die Verantwortung abnehmen.


Oft aber bleibt eine Differenz zwischen dem Ideal und unserem Verhalten. Als Orientierung für uns dienen dabei der sich erbarmende Gott und seine Liebe, die durch uns wirken will.  Gott bleibt uns auch dort liebevoll zugewandt, wo wir hinter dem Anspruch Jesu Christi zurückbleiben. (Studiendirektor i.R. Theo Wingerter)

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