Silbermöwe

Mittwoch, 26. Juni 2019

Mehr als 70 Millionen Flüchtlinge

Vor allem die Länder des armen Südens tragen die Last

Somalische Flüchtlinge in einem Lager in Kenia. Die wenigsten Flüchtlinge schaffen es nach Europa. Foto: actionpress

Die verschärfte Tonlage der vergangenen Jahre lässt anderes vermuten: Doch Flüchtlinge schaffen es nur selten nach Europa. Meist bleiben sie in der Nähe ihrer Heimat – auch wenn es dort oft nicht viel besser aussieht. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat in diesen Tagen seinen neuen Jahresbericht zur weltweiten Lage der Flüchtlinge vorgestellt – in Berlin statt in Genf. Eine bewusste Entscheidung, wie der zuständige UN-Hochkommissar Filippo Grandi erklärte. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Bericht:

Wie viele Menschen sind weltweit auf der Flucht?
Mit 70,8 Millionen Flüchtlingen, Vertriebenen und Asylbewerbern waren es Ende des vergangenen Jahres so viele wie seit der Gründung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR im Jahr 1950 nicht. Innerhalb von nur 20 Jahren hat sich ihre Zahl demnach verdoppelt. Im Vergleich zum Vorjahr waren es 2,3 Millionen mehr. Schaut man genauer hin, so zeigt sich, dass 41,3 Millionen Menschen innerhalb ihres Heimatlandes Schutz suchten – sogenannte Binnenvertriebene. 20,4 Millionen haben dagegen wegen Krieg und Verfolgung ihr Land verlassen. Hinzu kamen von den Vereinten Nationen betreute Palästinenser und Asylbewerber.

Woher kommen die Schutzsuchenden?
Rund zwei Drittel aller grenzüberschreitenden Flüchtlinge kamen aus fünf Ländern: Allein aus Syrien waren noch immer 6,7 Millionen Menschen auf der Flucht. Auch Afghanistan (2,7 Millionen), Südsudan (2,3 Millionen), Myanmar (1,1 Millionen) und Somalia (950 000) zählten zu den Hauptherkunftsländern. Ebenfalls unter den ersten Zehn waren Sudan, die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik, Eritrea und Burundi zu finden.

Wohin flüchten die Menschen?
So sie überhaupt ihr Heimatland verlassen, flüchten Menschen vor allem in benachbarte Staaten. Das traf zuletzt auf vier von fünf Geflüchteten zu. Da sich die Krisen der Welt zumeist in ärmeren Regionen abspielen, beherbergen vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer Flüchtlinge. Zu den wichtigsten Aufnahmeländern zählten die Türkei (3,7 Millionen), Pakistan (1,4 Millionen), Uganda (1,2 Millionen), Sudan (1,1 Millionen) und Deutschland (1,1 Millionen). Auch kleine oder bitterarme Staaten wie Libanon, Bangladesch, Äthiopien und Jordanien gehören zu den ersten zehn.

Was ist mit der Angst vor Flüchtlingen in reichen Ländern?
Deutschland ist das einzige Industrieland unter den ersten zehn Aufnahmeländern. Vergleicht man die Zahl von 1,1 Millionen Flüchtlingen allerdings mit der Größe der Bevölkerung oder der Wirtschaftsleistung, leisten viele – auch kleinere und ärmere – Länder mehr. Im Libanon etwa ist jeder sechste Einwohner derzeit ein Flüchtling. 91 Prozent der weltweit Geflüchteten leben dem Bericht zufolge nicht in der Europäischen Union. Nur etwa ein Sechstel erhielten Schutz in entwickelten Ländern. Der Anteil der am wenigsten entwickelten Länder lag dagegen bei rund einem Drittel.

Warum wurde der Weltflüchtlingsbericht in Deutschland vorgestellt?
UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi lobte die Bundesrepublik: für die Aufnahme der Menschen und seine Rolle als internationaler Geldgeber. Zudem sei Deutschland immer stärker in die Diskussion um die Lösung der Probleme eingebunden. Deswegen habe er entschieden, den Bericht in diesem Jahr in Berlin zu präsentieren, sagte Grandi.

Wird sich die Lage künftig verbessern?
Die Zahl der Flüchtlinge steigt seit Jahren. Eine wirkliche Trendwende ist derzeit nicht in Sicht. Eher im Gegenteil: Vier von fünf Geflüchteten sind laut UNHCR bereits mehr als fünf Jahre auf der Flucht, jeder Fünfte sogar mehr als 20 Jahre. Zwar konnten im vergangenen Jahr auch Menschen in ihre Heimat zurückkehren, doch Grandi warnte bereits davor, dass weitere Fluchtursachen hinzukämen. Neben Konflikten spielen Armut, Klimafolgen und Epidemien eine größere Rolle. Zugleich sei es aufgrund der zunehmenden Spaltung der Welt schwierig, Frieden zu erreichen. Dennoch sollte die Weltgemeinschaft bei rund 7,7 Milliarden Menschen in der Lage sein, sich um rund 70 Millionen Flüchtlinge zu kümmern, so der  UN-Kommissar. Nötig sei Zusammenarbeit.

Alexander Riedel (kna)

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