Geistliches Leben

Mittwoch, 21. November 2018

Mein Königtum ist nicht von dieser Welt

Frei werden von der Angst, nichts wert zu sein - Gedanken zum Johannes-Evangelium 18, 33b–37 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

„Divide et impera!“ – Teile und herrsche! So lautete die Devise der Machthaber des römischen Reiches. Damit war gemeint: Wenn du oben stehen willst, teile die Menschen in Gruppen und Grüppchen auf. Säe Zwietracht unter die, die deiner Macht gefährlich werden können. Und sie werden so mit sich und ihren eigenen Rivalitäten beschäftigt sein, dass du unangefochten über alle und über allem herrschen kannst.

Dem römischen Statthalter Pontius Pilatus kann deshalb die Spaltung unter den Juden nur recht sein: Auf der einen Seite Jesus. Auf der anderen Seite die Hohenpriester mit ihren Dienern, die Jesus vor seinen Richterstuhl gezerrt haben, damit er ihn kreuzigen lässt. Solange das jüdische Volk uneins ist und darum streitet, ob Jesus ein Gotteslästerer und Volksaufwiegler ist, hat Pilatus nichts zu fürchten.

Erst recht muss der Stellvertreter des Kaisers keine Angst vor dem haben, der als Angeklagter vor ihm steht. Denn die Machtverhältnisse sind klar: Hier der mittellose Zimmermann aus Galiläa, alleine und machtlos. Dort der mächtige Statthalter der Provinz Judäa, Herr über Leben und Tod seiner Untertanen, umgeben von unzähligen Soldaten, die seine Macht garantieren.

Trotz des Machtgefälles – oder vielleicht gerade deshalb, weil er ihn nicht fürchten muss – lässt sich Pilatus auf einen Dialog mit Jesus ein: „Bist du der König der Juden?“ Warum diese Frage? Verbirgt sich dahinter die Angst vor einem, der seinem Machtanspruch gefährlich werden könnte? Oder macht er sich nur über Jesus lustig, um ihm herablassend seine Machtlosigkeit zu demonstrieren? Wie die Frage auch gemeint ist – immer geht es um Herrschaft und Macht.

„Divide et impera!“ – Die Zeit der gottgleichen Kaiser und absolutistischen Könige, die nach dieser Maxime herrschten, ist gottlob vorbei. Vor genau hundert Jahren gingen in Europa die letzten „echten“ Monarchien unter: die der Hohenzollern in Deutschland, der Romanows in Russland u.a. Doch die Mechanismen ihrer Machtstrukturen sind bis in die Gegenwart wirksam.

Und doch: Teile und herrsche – das gibt es noch heute. Wie in der Vergangenheit als Herrschaftsprinzip machtversessener Politiker. Aber auch im Kleinen und subtiler als früher: als Versuchung für jeden Menschen, seinen Selbstwert zu steigern. Dazu teilen Menschen einander nach wie vor ein: in Oben und Unten, in Mehr oder Weniger, in Innen und Außen.

Da wird einer US-Präsident, der gemäß seinem Wahlkampfslogan „America first“ sein Land und dessen wirtschaftliche und militärische Interessen absolut setzt und dafür Handelskriege und ein neues Wettrüsten in Kauf nimmt. Da schafft eine deutsche Partei nach und nach den Einzug in alle Landesparlamente und in den Bundestag, weil sie Ängste vor Flüchtlingen, Migranten und Muslimen schürt und unter Missachtung des Grundrechts auf Asyl die Außengrenzen dicht machen möchte. Aber auch: Da dienen Häuser, Autos und Urlaubsreisen als Statussymbole, mit denen Menschen sich mehr wert als andere fühlen und so ihr eigenes Ego aufwerten wollen. Da wird schon in Grundschulen darauf geachtet, wer welche Kleidung anhat oder wer den Übertritt auf eine höhere Schule schaffen wird. Wer so denkt und handelt, dessen Leben ist von Angst geprägt: Der Angst, zu kurz zu kommen und auf der Seite der Verlierer zu stehen. Der Angst, dass andere mehr besitzen könnten als ich. Der Angst vor dem Fremden oder vor anderen Bevölkerungsgruppen, wie Flüchtlingen und Migranten.

„Divide et impera!“ – Auf die Frage des Pilatus, ob er ein König sei, sagt Jesus zunächst: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.“ Sein Verständnis von Herrschaft ist ein völlig anderes. Für Jesus bedeutet Herrschen gerade nicht, sich selbst über andere zu stellen, damit es ihm selbst möglichst gut geht. Sondern: den anderen groß machen, damit alle ein gutes Leben haben. Für ihn bedeutet Herrschen nicht: möglichst viel zu besitzen, um seinen Selbstwert zu steigern. Sondern: mit anderen teilen, damit sich jeder wertvoll und geliebt fühlt. Für ihn bedeutet Herrschen gerade nicht zu definieren, wer dazugehört und wer nicht. Sondern: über alle Grenzen hinweg das Verbindende suchen.

Erst nach dieser Klarstellung beantwortet er die Frage seines Richters: „Du sagst es, ich bin ein König.“ Die Antwort Jesu geht aber noch weiter: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Von dieser Wahrheit sagt er an anderer Stelle, dass sie uns befreien wird (vgl. Joh 8,32). Wer Jesus zum König hat, wer seinem Zeugnis vertraut und ihm folgt, der wird frei. Frei von der Logik des „Divide et impera!“. Frei vom Zwang, Menschen in oben und unten, mehr oder weniger, innen oder außen einzuteilen, um dadurch seinen Selbstwert zu steigern. Und so frei von der Angst, nichts wert zu sein.

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