Wochenkommentar

Mittwoch, 11. November 2015

Mein Tod gehört nicht mir

Das Thema Sterben und Tod wurde aus Tabu-Zone geholt

Erleichterung ist angebracht, dass der Gesetzentwurf der Abgeordneten Michael Brand (CDU) und Kerstin Griese (SPD) in Sachen assistierter Suizid im Bundestag eine so schnelle und klare Mehrheit gefunden hat. Gegenüber der bisherigen Situation, in der die Suizidbeihilfe uneingeschränkt straffrei war, stellt er einen Fortschritt dar, indem er die geschäftsmäßige, organisierte, auf Wiederholung angelegte Suizidassistenz unter Strafe stellt. Und auch verglichen mit zwei von vier anderen Entwürfen, die leidenschaftlich im Parlament diskutiert wurden, ist er ohne jede Frage die bessere Alternative. Doch ein klares Signal für den Lebensschutz sieht anders aus: Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern – wie etwa Österreich und Frankreich – bleibt nämlich die Suizidbeihilfe in Deutschland weitgehend straffrei. Nur Vereine, Organisationen und einzelne Personen, die anderen Menschen gezielt und wiederholt beim Suizid helfen, müssen künftig mit der Strenge des Gesetzes rechnen.

Genau hierin besteht – bei allen Verdiensten – die Problematik dieses Entwurfes, der nun Gesetz werden soll: Der Begriff „geschäftsmäßige Suizidbeihilfe“ ist unklar und schwammig; er bietet Sterbehilfeorganisationen, die gegen das neue Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht klagen wollen, eine ungewollte Angriffsfläche. Auch leuchtet – im Gegensatz zu dem Vorschlag von Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger (beide CDU) – nicht ein, warum der assistierte Suizid in bestimmten Fällen strafbar sein soll, in anderen aber nicht. Vieles spricht dafür, dass der sicherlich gut gemeinte Entwurf vor dem höchsten deutschen Gericht keinen Bestand haben wird.

Ihr Gutes hat die über ein Jahr dauernde Debatte im Bundestag und in der Öffentlichkeit allerdings auf jeden Fall gehabt: Das Thema Sterben und Tod ist so stark aus der Tabu-Zone herausgeholt worden wie selten zuvor. Dass dennoch im Bundestag weiterhin mit großem Pathos die Selbstbestimmung als Wert an sich beschworen wurde und sogar der schlimme Satz „Mein Tod gehört mir“ fiel, sollte zu denken geben. Die Maßstäbe der Leistungs- und Konsumgesellschaft dürfen nicht auf den Wert oder vermeintlichen Unwert des Lebensendes angelegt werden.  Nach christlicher Auffassung kommt auch einem Menschen, der nur noch eingeschränkt selbstbestimmt ist, die volle Würde zu. (Gerd Felder)

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