Im Gespräch

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Mit beschleunigtem Schritt

Papst Franziskus wird 80 Jahre alt und hat sich noch viel vorgenommen

Papst Franziskus hat wichtige Schritte unternommen, die Kirche auf die zukünftigen Herausforderungen der Zeit vorzubereiten. Foto: actionpress

Es war im Oktober 2016 in Georgien; Papst Franziskus erzählte von einer Begegnung am Rande: „Eine alte Frau machte mir ein Zeichen, ich solle herkommen. Wie alt mag sie gewesen sein? 80? – Also keine alte Frau.“ Am 17. Dezember vollendet er selbst sein 80. Lebensjahr. Also kein alter Papst. Franziskus findet es nicht nötig, sein Alter herunterzuspielen. Er habe so seine Sachen, etwa „das Problem mit der Wirbelsäule“, sagte er kürzlich in einem Interview. Seit ihm als jungem Mann ein Teil des rechten Lungenflügels entfernt wurde, ist er ein bisschen kurzatmig. Aber sogar den Besuch im bolivianischen La Paz vergangenes Jahr meisterte er anstandslos, trotz der dünnen Luft auf 4100 Metern Höhe.

Was ist das Geheimnis seiner robusten Verfassung? Franziskus sagt, das Beten helfe ihm viel: die tägliche Messe, das Stundengebet, der Rosenkranz. Er schlafe sechs Stunden, aber fest wie ein Stein. Als im August das Erdbeben auch in Rom zahllose Menschen nachts aufschreckte, blieb der Fels der Kirche unerschüttert. Mittags pflegt der Papst nach seiner alten argentinischen Gewohnheit eine kleine Siesta zu halten. Er liebt den südamerikanischen Matetee und dessen anregende Wirkung. Vor allem aber weiß Franziskus, dass er mit seinen Kräften haushalten muss: „Ich mache, was ich kann, aber nicht mehr.“

Dabei hatte er sich für das Heilige Jahr ein beachtliches Programm auferlegt. Zusätzlich zu den wöchentlichen Generalaudienzen hielt er samstags Treffen mit Pilgergruppen. Den Auftakt in Ost- und Zentralafrika mitgerechnet, fielen in das Heilige Jahr sieben Auslandsreisen, darunter eine siebentägige Visite in Mexiko, der Weltjugendtag in Polen und die politisch nicht einfachen Besuche in Armenien sowie in Georgien und Aserbaidschan.

An je einem Freitag im Monat besuchte Franziskus in Rom unangekündigt eine Sozialeinrichtung oder Menschen in schwierigen Situationen. Diese „Freitage der Barmherzigkeit“, wie die Aktion hieß, kosteten nicht viel Zeit; aber allein aus der Erzählung des Papstes merkt man, wie emotional anstrengend diese Begegnungen waren.

Franziskus pflegt nach wie vor ein weites Netz von persönlichen Kontakten, telefoniert mit Freunden ebenso wie mit Häftlingen irgendwo in der Welt. Franziskus predigt und hält Ansprachen, führt Beratungen in der Kurie, gibt Interviews, verbreitet Videobotschaften. Er bewahrt sich die Freiheit zur Spontaneität, wenn es ihm dringlich scheint, bei bestimmten Menschen zu sein oder sich sehen zu lassen – sei es in der italienischen Erdbebenregion oder auf der griechischen Flüchtlingsinsel Lesbos.

„Je weiter wir gehen, desto mehr scheint sich der Schritt zu beschleunigen“, sagte Franziskus diese Tage. Er bezog das auf die ökumenische Entwicklung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), aber es trifft auch auf ihn selbst zu. Benedikt XVI. erklärte mit 85 den Amtsverzicht; Franziskus machte deutlich, dass auch er einen Rücktritt nicht ausschließt. Aber noch sind die Vorhaben, die er angeschoben hat, mitten im Gang: die Reform von Kurie und Seelsorge, die Allianz der Religionen für Frieden und Gerechtigkeit, neue kirchendiplomatische Initiativen in Fernost.

Unterdessen zeigen einige Kardinäle immer unverhohlener Widerstand. Raymond Leo Burke etwa, ehemaliger Leiter des obersten Gerichts des Heiligen Stuhls, hat Franziskus zu einer Klarstellung seiner Aussagen zu einer möglichen Kommunion-Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen aufgefordert. Franziskus vertritt die Haltung, im Leben sei nicht alles nach dem Schwarz-Weiß-Schema zu erklären, nur hätten das einige noch nicht kapiert. Burke und andere Kardinäle verlangen vom Papst ausdrücklich ein unzweideutiges Ja oder Nein zu Fragen „absoluter moralischer Normen“. Für den Fall, dass die Antwort ausbleibt, hat Burke einen „förmlichen Akt der Korrektur“ angekündigt. Eine Kampfansage an den Heiligen Vater.

Interessant war da eine etwas merkwürdige Szene während der Georgienreise, beim Empfang durch Patriarch Ilia II. Die Beziehungen der georgisch-orthodoxen Kirche zu den Katholiken wie zu den orthodoxen Schwesterkirchen sind alles andere als warmherzig. Doch der gebrechliche 83-jährige Patriarch sprach von Brüderlichkeit und Wertschätzung, er sprach mühsam und stockend, das Skript zitterte in seiner Hand.

Franziskus saß gespannt, vornübergebeugt, ohne den Blick von Ilia II. abzuwenden. Es schien in diesem Moment fast, als schaue er durch die Kulissen des höfischen Machtapparats hindurch und erkenne in dem greisen Patriarchen ein Stück von sich selbst: einen, der Versöhnung predigt und dabei gegen die Zeit, die Last seines Alters und die Beharrungskräfte seiner eigenen Kirche kämpft.  (Burkhard Jürgens, kna)

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