Geistliches Leben

Donnerstag, 22. Februar 2018

Mit der Vollmacht der Auferstehung

Die Tempelreinigung stellt uns einen ganz anderen Jesus vor Augen – Gedanken zum Johannes-Evangelium 2, 13–25 von Pastoralreferent Martin Wolf

Ziemlich verstörend! So dürfte manchem Gläubigen der Jesus dieses Sonntagsevangeliums vorkommen. Nicht der sanfte, den Armen liebevoll zugewandte Gutmensch, wie er uns so oft vorgestellt wird. Stattdessen ein aufbrausender, tobender Wüterich, der auch vor handgreiflicher Gewalt nicht zurückschreckt.

Die Geschichte, die alle vier Evangelien berichten, erzählt jedenfalls vom einzigen dokumentierten Gewaltausbruch Jesu, gerichtet gegen die Geschäftemacher im Umfeld des Jerusalemer Tempels. Allerdings sitzen die Gescholtenen gar nicht im eigentlichen Tempel. Die Höfe im Innenbereich durften nämlich nur von Juden, die noch weiter innen liegenden nur von Priestern betreten werden. Das Allerheiligste im Zentrum war ausschließlich dem Hohenpriester vorbehalten. Im Tempel selber gab es also gar keinen Markt, nichts wurde dort gewechselt oder gehandelt.

Die Szene spielt sich vielmehr außerhalb des eigentlichen Tempels ab, im sogenannten Vorhof der Heiden, man könnte auch sagen, auf dem profanen Tempelvorplatz. Hier saßen die Geldwechsler, die die römischen Münzen in jene Währung tauschten, in der die Tempelsteuer bezahlt werden musste. Diverse Viehhändler verkauften den Gläubigen dort Tiere unterschiedlicher Größe, die dann im Tempel als Schlachtopfer dargebracht wurden. Wenn zu hohen Festen große Scharen von Menschen nach Jerusalem pilgerten, dann florierten deren Geschäfte. Der Tempel und sein Umfeld waren also kein ganz unbedeutender Wirtschaftsfaktor in jener Zeit. Jesus stellt auch das mit seinem Auftritt radikal in Frage.

Es ergibt daher Sinn, wenn Johannes das Ereignis vor dem Paschafest ansiedelt, das er hier „Pascha der Juden“ nennt. Tatsächlich war es auch das Paschafest des Juden Jesus. Die distanzierte Formulierung des Evangelisten deutet aber an, dass er, der erst 70 Jahre später sein Evangelium schreibt, sich von den jüdischen Wurzeln des Christentums schon abgewendet hat.

Den Jüngern, die Jesus begleiten, schwant dabei nichts Gutes. Ein Vers aus Psalm 69 fällt ihnen ein (Psalm 69,10). Ihre Sorge ist nicht unbegründet. Die großen jüdischen Feste waren im römisch besetzten Jerusalem immer eine besonders heikle Zeit. Sowohl die jüdische Tempelgarde, die Jesus dann zur Rede stellt, als auch das römische Militär befanden sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Unruhen mussten unter allen Umständen vermieden werden. Einen Aufstand hätten die römischen Truppen sofort in einem Blutbad erstickt, und auch mit der von Rom geduldeten jüdischen Selbstverwaltung durch den hohen Rat wäre es aus und vorbei gewesen. Die düsteren Befürchtungen der Begleiter Jesu haben also hier einen sehr realen Hintergrund.

Für den Evangelisten Johannes an der Schwelle zum zweiten Jahrhundert nach Christus war es eine prägende Erfahrung, dass ein Großteil der jüdischen Umwelt sich dem Glauben an den Messias Jesus verweigerte. Ihre Verstocktheit, wie er es interpretiert, ist daher ein durchgängiges Motiv. So erscheinen „die Juden“ bei ihm immer wieder als Gegner und Widersacher Jesu. Auch hier. Es sind wohl Mitglieder der jüdischen Tempelgarde, die Jesus schließlich zur Rede stellen. Sie waren für die Ordnung im Tempelbezirk verantwortlich. Ein Zeichen wollen sie von ihm, ein Wunder also als Vollmachtsbeweis. Darunter geht es nicht. Stattdessen spricht Jesus, wie so oft bei Johannes, in Rätseln – und schlägt damit schon den Bogen zur nachösterlichen Gemeinde und damit auch zu uns: Sein Tod und seine Auferweckung verleihen ihm im Rückblick jene Vollmacht, die die jüdische Tempelgarde zwar einfordert, aber nicht verstehen kann.

So wird die Geschichte der sogenannten Tempelreinigung zu einer weiteren, versteckten Kritik des Evangelisten an „den Juden“, die sich der Anerkennung Jesu als dem bevollmächtigten Gesandten Gottes weiter verweigerten. Doch sie richtet auch eine Frage an uns, seine Leser. Was ist die Grundlage meines Glaubens? Etwa Zeichen, Wunder, oder sonstiges Spektakel? Nein. Jesu Vollmacht, die im Mittelpunkt dieses Evangeliums steht, erschließt sich erst durch jene drei Tage, von denen er spricht. Durch das Geheimnis von Tod und Auferweckung, das wir in wenigen Wochen wieder feiern.

Ein Geheimnis, dass ich nur im Glauben erfassen kann. Es sind diese drei Tage, die mich letztlich sehend machen und mich dann vielleicht mit dem zweifelnden Thomas sagen lassen: Mein Herr und mein Gott (Joh 20,28)

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