Geistliches Leben

Mittwoch, 22. Juli 2015

Nahrung für alle

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – Gedanken zum Johannes-Evangelium 6, 1–15 von Studiendirektor i.R. Theo Wingerter

Vor Jahren gab es einmal folgende Karikatur: Afrikanische Kinder mit leerem Blick und Hungerbäuchen hielten flehend einem Missionar die Hände hin. Der Missionar reichte ihnen die Bibel. Mit dieser Botschaft sollten sie ihren Hunger stillen.

Wurde durch die Karikatur der Kirche unterstellt, sie würde die falsche Antwort auf den Hunger der Menschen geben? Worte des Glaubens – aber keine Hilfe zum Überleben. Doch die Kirchen wollten mit der Frohen Botschaft Heilung und Heil für den ganzen Menschen bringen, für Leib und Seele. Allerdings mit manchmal unterschiedlicher Akzentsetzung.

Das Evangelium von der Brotvermehrung weist bereits auf beide Bereiche hin: die himmlische Wirklichkeit und die irdische. Beide gehören zusammen. Die Menschenmenge folgte Jesus, „weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.“ Diese Zeichen verstand der Evangelist als Hinweis auf Jesus als den Gesandten Gottes, auf den Messias und das Kommen des Reiches Gottes. Auch die Menge erkannte in der Vermehrung der Brote und Fische, dass Gott hier am Werk ist. Trotzdem erwartete sie nur das vergängliche Brot von Jesus.

Jesus nimmt die Apostel mit in die Pflicht. „Wo sollen wir Brot kaufen?“ Philippus weiß, dass es für die Jünger unmöglich ist, so viele Leute satt zu machen. Die Jünger stoßen an ihre Grenzen. Damals wie heute. Wo sie ihre Grenzen erfahren, sind Gottes Möglichkeiten jedoch nicht erschöpft.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, Gott könnte auf einmal die Hungernden in der ganzen Welt sättigen. Er stillt keinen Hunger ohne die Mitwirkung der Menschen. Damals verwiesen die Jünger auf den kleinen Jungen mit den fünf Gerstenbroten und den zwei Fischen, auch Ausdruck ihrer eigenen Hilflosigkeit und Überforderung.

Nachdem die Menschenmenge gesättigt ist, wird den Jüngern beim Einsammeln der Brotreste die Bedeutung des Zeichens bewusst. Die Jünger und damit auch die Leser werden an eine Brotvermehrung erinnert, wie sie vom Propheten Elischa überliefert ist, wovon die erste Lesung des heutigen Sonntags handelt. Sie erkennen, dass Jesus die wunderbare Tat des Propheten, dessen Wiederkunft für die Endzeit erwartet wurde, großartig überbietet. Diese Zeit ist nun durch Jesus angebrochen. In ihr beschenkt Gott die Menschen überreich.

Wenn die biblische Botschaft nicht eine Vertröstung auf das jenseitige Leben werden soll, muss sie aktuelle  Zeichen setzen für die Zuwendung Gottes zum Menschen und etwas ahnen lassen von der Fülle des Lebens, die Gott für den Menschen will. Die Botschaft von der Brotvermehrung lässt uns Ausschau halten nach den „fünf Broten und den zwei Fischen“, die uns zur Verfügung stehen. Die Vorräte unserer Erde würden reichen, um den Hunger in der Welt zu beseitigen und alle satt zu machen, wenn sie gerecht verteilt würden. Der kleine Junge mit den Gerstenbroten teilt, ohne zu berechnen. Mit dem, was der Junge hergibt, kann Jesus Großes bewirken. Wenn sich das Denken in einer Gesellschaft weithin nur um Macht und Prestige, Geld und Gewinn dreht und der Blick nur auf das Materielle konzentriert ist, fehlt das Gespür für die Hungernden vor der Haustür und in anderen Kontinenten. Offene Augen führen zu geöffneten Händen. Sie lassen die eigene Verantwortung erkennen für die Zukurzgekommenen am Rand unserer Gesellschaft und befähigen dazu, großzügig zu handeln.

Auch wenn der Tisch von Menschen stets reich gedeckt ist, hungern sie – aber nach mehr als materieller Sättigung. Menschen hungern nach einem Zuhause und Geborgenheit, nach einem Sinn für ihr Leben. Sie hungern nach Antworten auf die Frage nach Gott und darüber hinaus. Sie wollen Möglichkeiten sehen, wie sie mit ihren Sorgen und Problemen zurechtkommen sollen. Sie wollen wissen, wofür sie am Morgen aufstehen, sie wollen anerkannt werden – unabhängig von dem, was sie leisten können. Sie wollen als wertvoll geachtet werden. Im Letzten hungern sie nach Liebe.

Wer Sinn anbietet und in auswegloser Lage Wege mitgeht, oder Zweifel oder Verzweiflung des Nächsten aushält, zeigt auf, was sein Leben trägt. Er gibt Antwort auf das, was die Menschen über die rein vergängliche Nahrung hinaus noch brauchen.

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