Im Gespräch

Mittwoch, 22. August 2018

Neues Denken in der Kirche gefordert

Nach Bekanntwerden neuer Missbrauchsskandale: Franziskus redet Klartext

Mit Scham und Reue – Papst Franziskus wendet sich nach Bekanntwerden neuer Missbrauchsskandale an „das Volk Gottes“. Foto: actionpress

Nach den neuerlichen Berichten über große Missbrauchsskandale in den USA und Chile steht Papst Franziskus unter Druck. Er reagiert mit einem einmaligen Schritt: einem Brandbrief „an das Volk Gottes“.

„Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten“, heißt es in einem knapp vierseitigen Papstschreiben vom Montag. Gerichtet ist es „an das Volk Gottes“ – an die gesamte Kirche. Das Thema: sexueller Missbrauch, einmal mehr.
Das von Betroffenheit geprägte Schreiben betrifft nicht nur die USA, wo es unlängst wieder mal einen beschämenden Bericht über ein Dreivierteljahrhundert Missbrauch und Vertuschung mit rund 1 000 Opfern gab. Er zielt nicht nur auf Irland, wohin der Papst am Wochenende reist und das sich seit Jahrzehnten mit einer weit verzweigten Missbrauchsgeschichte auseinandersetzt. Er bezieht sich auch nicht nur auf Chile, wo die Missbrauchskrise weiter schwelt und wo Franziskus zunächst falsch reagierte.

Papst meint die ganze Kirche
Der Papst meint diesmal die ganze Kirche. Zwar hatte Franziskus bereits im April an die chilenischen Bischöfe geschrieben, im Mai dann „an das Volk Gottes in Chile“. An diesen Brief erinnert der jetzige in Art und Ansatz. Benedikt XVI. (2005-2013), der den Kampf gegen den Missbrauch erheblich verschärft hatte, schrieb bereits 2010 einen ähnlichen Brief an die irischen Katholiken. Zur Beendigung der Missbrauchskrise setzte er vor allem auf die Bischöfe. Franziskus ruft nun alle Getauften zum Kampf gegen das Übel auf.

USA: Bischöfe Teil des Problems
In den USA hatten sich Bischöfe als Teil des Problems erwiesen: Ausgerechnet ein Verfasser der vor 15 Jahren lauthals verkündeten „Null-Toleranz-Politik“, der damalige Washingtoner Kardinal Theodore McCarrick (88), wird inzwischen selbst des sexuellen Missbrauchs verdächtigt. Und sein Nachfolger Donald Wuerl (77) steht im Verdacht, einst als Bischof von Pittsburgh in Pennsylvania nicht hart genug gegen Missbrauchstäter vorgegangen zu sein. Nach dem Bericht aus Pennsylvania und vor dem Papstbesuch in Dublin ist das Kardinalskollegium alarmiert. Der Bostoner Kardinal Sean O‘Malley, Präsident der Kinderschutzkommission des Papstes und ein Hardliner bei der Missbrauchsbekämpfung, hat seine Teilnahme am Weltfamilientreffen in Dublin abgesagt. Wenig später folgte die Absage Wuerls. Es droht ein Flächenbrand, den der Papst mit seinem spektakulären Brief eindämmen will.
Es reiche nicht mehr, sich zu entschuldigen, predigte am Sonntag Dublins Erzbischof Martin. „Die Katholiken haben ihre Geduld mit uns verloren, und die Gesellschaft hat ihr Vertrauen in uns verloren“, warnte O‘Malley in Boston.

Schrei der Opfer
In seinem Brief versucht Franziskus nun, die Sache ins Positive zu wenden. Der Schrei der Opfer sei stärker gewesen „als die Maßnahmen all derer, die versucht haben, ihn totzuschweigen“. Das gilt auch ihm selbst. Noch im Januar hatte er Anschuldigungen gegen Priester und Bischöfe in Chile als Denunziation abgetan. Nun aber stellt er sich auf die Seite der Opfer.
Den Missbrauch nennt der Papst nicht nur „Sünde“, sondern „Verbrechen“. Und er schreibt: Diese „Wunden verjähren nie“. Dann zitiert er das Lukas-Evangelium: Gott „zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Damit meint der Papst diesmal Kirchenobere. In einem Kommentar stellt Vatikansprecher Greg Burke klar, dass mit den Vorwürfen wegen Vertuschung in vielen Fällen Bischöfe gemeint seien.
Gegen Klerikalismus hat Franziskus schon oft gewettert; zuletzt bei einem Treffen mit italienischen Jugendlicher, die ihn nach den Ursachen für Kirchenskandale fragten. Klerikalismus beruhe auf einem falschen Verständnis von Autorität – „sehr verbreitet in zahlreichen Gemeinschaften, in denen sich Verhaltensweisen des sexuellen Missbrauchs wie des Macht- und Gewissensmissbrauchs ereignet haben“, schreibt der Papst jetzt.

Kein Wegschauen mehr
Das ist gemünzt auch auf Gemeinschaften wie die Legionäre Christi, die sich in einem schmerzlichen Prozess von ihrem sexualpathologischen Gründer Marcial Maciel (1920-2008) lossagen mussten. Oder auf die „Sodalicio“-Gemeinschaft in Peru, die Franziskus im Frühjahr unter eigene Aufsicht stellte.
An der Umkehr und dem Ausweg aus einer solchen Kultur des Klerikalismus, des Wegschauens und Vertuschens muss sich laut Franziskus jeder Christ beteiligen. Sonst werde es keine „gesunde und wirksame Umgestaltung“ geben. An dieser Stelle spricht er viel von Fasten, Buße und Gebet. Manche Kommentatoren vermissen konkrete Maßnahmen.

Es braucht Mentalitätswandel
Ein solcher Brief wäre indes kaum der richtige Ort, neue Paragrafen im Kirchenrecht einzuführen oder neue Fortbildungsrichtlinien. Dass all das nötig ist, davon gehen Experten aus. Aber, so warnt der vatikanische Kinderschutzexperte und Psychologe Hans Zollner, Gesetze und Vorschriften allein reichen nicht. Es brauche einen Mentalitätswandel –in der ganzen Kirche. Und deshalb schrieb der Papst diesen Brief. (Dokumentation in pilger-Ausgabe 34/2018 auf Seite 5) (Roland Jochum, kna)

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