Geistliches Leben

Mittwoch, 26. Juni 2019

Nichts ist nötiger als Gottes Friede

Gedanken zum Lukas-Evangelium 10, 1–12.17–20 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Der Text beginnt in der neuen Einheitsübersetzung mit: „Danach suchte der Herr 72 andere aus und sandte sie zu zweit vor sich her“. Lukas verwendet den Begriff „Herr“ und schreibt nicht einfach „Jesus“ – das deutet darauf hin, dass der gekreuzigt-auferstandene Herr gemeint und der Text ein Hinweis an die frühe Gemeinde ist. Es sind also nicht nur die zwölf Apostel gesandt, sondern auch 72 Jünger: Sie sind Sinnbilder für alle Völker der Erde. Nicht nur in Israel – bei allen Völkern ist die Ernte groß. Sie sind dorthin gesandt, wohin Jesus selbst kommen wird, und sie sollen diese Ankunft vorbereiten.

Sie erhalten den Auftrag, den Menschen „Frieden“ zu verkünden, wenn sie in ein Haus kommen. Für das Lukas-Evangelium ist Frieden ein zentraler Begriff. Schon bei der Jesu Geburt verkünden Engel „Frieden auf Erden“; und der Auferstandene begrüßt die Seinen: „Der Friede sei mit Euch“. Dieser Friede meint ein umfassendes „Heilsein“ und ist letztlich von Gott abhängig. Mit dem Auftreten der Jünger soll schon etwas von der kommenden Gottesherrschaft spürbar werden.

Die Jünger werden zu zweit ausgeschickt, damit sie sich gegenseitig stützen und motivieren und dass sie im gegenseitigen Miteinander etwas von dem zeigen können, was sie im Frieden vermitteln sollen. Und das „Zu-Zweit-Sein“ soll ihre Einsamkeit verhindern, die sich dann auf alles lähmend auswirkt. Da Jesus hinter ihnen her geht, weil es seine und nicht ihre Botschaft ist, sollen die Boten nichts mitnehmen, was sie hindern könnte, was sie belastet, was sie von ihrem Dienst ablenken könnte, was mit ihrer Botschaft verwechselt werden könnte.

Wir sind in unserer Kirche in einer schwierigen Lage, die schlechten Nachrichten überschlagen sich; manche vergleichen unsere Zeit mit der Zeit zu Beginn der Reformation. Sicher, wir können diese Sendungsgeschichte nicht einfach in unser Heute übertragen. Aber einiges kann uns zum Nachdenken anregen.

Jesus hat nicht nur die Zwölf beauftragt, seine Botschaft weiter zu tragen, sondern auch viele andere. Seine Botschaft, nicht um unsere Vorstellungen. Sind wir in dieser Frage nicht zu sehr auf das Amt in der Kirche fixiert – als Nachfolger der Apostel? Die Jünger werden von Jesus ausgesandt, ohne etwas mitzunehmen, keinen Geldbeutel, keine Vorratstasche und keine Schuhe. Haben wir in der Kirche durch unsere Geschichte vielleicht zu viel Gepäck dabei? Nur materielles Gepäck? Da kann auch mehr gemeint sein: Traditionen, Denkformen, Kulturgüter oder Machtstrukturen, die in der „Welt“ schon lange „überholt“ sind.  
Jesu Auftrag war: Nehmt nichts mit auf den Weg zu den Menschen, nur den Frieden! Der Friede Christi wurde immer wieder vermengt mit menschlichen und weltlichen Interessen. So müssen wir auch heute fragen, wie dieser Friede heute zu leben ist. Da sind sicher auch die christlichen Kirchen angesprochen. Wenn Jesus seine Botinnen und Boten „zu zweit“ aussendet, dann können „entzweite“ Kirchen nur schwer diesen Auftrag erfüllen. Da müssen wohl beide noch Gepäck zurücklassen.

Der Friedensauftrag Jesu gilt nicht nur diesem oder jenem Haus, sondern unserem ganzen „Welthaus“, in dem alle Menschen miteinander in seinem Frieden leben sollen. Es geht nicht nur um die Menschen, die durch Waffengewalt ums Leben kommen, es geht auch um die Opfer der verweigerten Versorgung mit Medizin, Ernährung und sauberem Wasser; es geht um Flüchtlinge und Vertriebene.

Nehmt nichts mit zu den Menschen als den Frieden! Wir können damit anfangen in unserm persönlichen Lebensbereich, dort wo wir an der Meinungsbildung beteiligt sind. Treten wir ein für den Schalom Gottes unter den Menschen! Unsere Zeit braucht den uneigennützigen Dienst der vernetzten christlichen Kirchen.

(Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers)

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