Geistliches Leben

Donnerstag, 27. Oktober 2016

„Nur Liebe, mich überflutend“

Gott ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden – auf für uns heute – Gedanken zum Lukas-Evangelium 20, 27.34–38 von Pastoralreferentin Luise Gruender

An grauen Novembertagen kann es schwerfallen, den Glanz der Osterereignisse aufleuchten zu lassen und ein „Fest der Auferstehung“ zu feiern. Dass Jesus von den Toten auferstanden ist und sich so Gott als Gott von Lebenden erweist, dies bekennen und feiern wir Christen seit jeher als den Grund unseres Glaubens und als Hoffnung, welche uns erfüllt.

Doch nicht wenige Menschen tun sich schwer mit diesem Glauben an die Auferstehung; sie formulieren Einwände oder leugnen sie, so wie jene Sadduzäer im heutigen Evangelium. Der gesamte Bibeltext – das Sonntags-Evangelium bietet nur dessen Rahmen – ist ein theologisches Streitgespräch. Deshalb ist es hilfreich, sich beim Lesen vorzustellen, wie die Sadduzäer, eine vornehme Priestergruppe, einen richtig komplizierten Fall konstruieren, um Jesus damit auf die Probe zu stellen. Beachtlich ist dabei, wie ruhig und überlegen Jesus antwortet.
Die Sadduzäer greifen mit ihrer Frage auf einen Brauch zurück, der im alten Israel gang und gäbe war. Starb ein Mann kinderlos, dann war sein Bruder verpflichtet, die hinterbliebene Frau – also seine Schwägerin – zur Frau zu nehmen und mit ihr Kinder zu zeugen. Die Kinder galten dann als unmittelbare Nachkommen des Verstorbenen.

Wahrscheinlich hatte man aber bereits zur Zeit Jesu diese Praxis aufgegeben. Vor diesem Hintergrund wird offensichtlich, dass die Sadduzäer Jesus mit ihrer konstruierten Geschichte eine Falle stellen wollten. Der Glaube an die Auferstehung soll lächerlich gemacht und verunglimpft werden. Den Sadduzäern erscheint der Gedanke an eine Auferstehung absurd, sie wollen Jesus als Befürworter des Auferstehungsglaubens öffentlich bloßstellen.

Jesus hingegen klärt mit seiner ruhigen Antwort den Sachverhalt. Als erstes räumt er ein großes Missverständnis aus dem Weg: Denn offensichtlich gehen die Sadduzäer davon aus, dass das Leben nach der Auferstehung im Wesentlichen in der Fortsetzung des irdischen Lebens besteht – vielleicht als eine Art „Kopie“. In aller Deutlichkeit setzt sich Jesus von diesem Verständnis ab: Gott schafft vielmehr bei der Auferstehung ein neues Leben, für das andere Gesetze gelten als in der irdischen Welt. Was Gott hier tut, übersteigt alle unsere Vorstellungskraft und sprengt unsere menschlichen Maßstäbe. Gerade in der Umwandlung nämlich besteht das Wesen der Auferstehung: Wir werden zu Söhnen und Töchtern Gottes, wie es im Vers 36 heißt.

Als zweites bringt Jesus ein weiteres überzeugendes wie unwiderlegbares Argument ins Spiel. Wenn sich Gott dem Mose als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vorgestellt hat, dann müssen die drei Stammväter zwangsläufig bei Gott leben, denn er ist ja wohl kein Gott, der sich auf Tote beruft. Zusammengenommen besteht also die Überzeugungskraft der Antwort Jesu darin, dass Gott ein völlig neues Leben schaffen wird. Sein Wirken ist viel größer als menschliches Denken. „Wenn es keine Auferstehung von den Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ So schreibt der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth. Das sind klare Worte! Wie dieses neue Leben im Detail aussehen wird, das entzieht sich unserer Kenntnis. Sicher ist aber, dass es eines sein wird, das von Gottes Liebe umfasst ist.

Den allermeisten wird diese Antwort nicht genügen; es geht ihnen mit der Auferstehung wohl so, wie es Marie Luise Kaschnitz in einem Gedicht formuliert hat: „Glauben Sie, fragte man mich / An ein Leben nach dem Tode / Und ich antwortete: ja / Aber dann wusste ich / Keine Auskunft zu geben / Wie das aussehen sollte / Wie ich selber / Aussehen sollte / Dort“. Der Blick nach „drüben“ bleibt uns verwehrt. Unsere Sprache kommt an ihre Grenzen und erst recht unsere Vorstellungskraft. Manche kapitulieren deshalb und leugnen schlichtweg die Auferstehung. Andere benutzen die Sprache der Bilder, um ihrer Hoffnung Ausdruck zu verleihen. So auch Jesus, wenn er vom Haus des Vaters spricht, in dem viele Wohnungen für die Seinen bereitet sind. Sein Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Als die Frauen zum Grab kommen, um ihrem toten Freund und Meister mit wohlriechenden Salben die letzte Ehre zu erweisen, wird auch ihnen durch das Engelwort deutlich, dass Gott ein Freund des Lebens ist: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“.

Das Gedicht von Marie Luise Kaschnitz gibt in seiner Fortsetzung eine zarte, poetische Antwort auf die Frage, wie es aussehen kann, das Leben nach dem Tod: „Ich wusste nur eines / Keine Hierarchie / Von Heiligen auf goldenen Stühlen / Sitzend / Kein Niedersturz / Verdammter Seelen / Nur / Nur Liebe frei gewordene / Niemals aufgezehrte / Mich überflutend“.

Eine Liebe, die hinausführt ins Weite und alle Dunkelheit hell macht. Eine Liebe, die sich nicht aufzehrt und die mächtiger als der Tod ist. Eine Liebe – Gottes Liebe – die unbedingt entschieden ist für uns Menschen. Gott sei Dank.

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